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Sonja Brandtmayer: „Produkte sind austauschbar – den Unterschied machen die Menschen“

(Bild: © Marlene Fröhlich )

Sonja Brandtmayer: „Produkte sind austauschbar – den Unterschied machen die Menschen“

14. August 2026

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7 Min. Lesezeit

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Im Blickpunkt

Vertrauen, regionale Entscheidungskompetenz und persönliche Betreuung bleiben für Mag. Sonja Brandtmayer entscheidende Erfolgsfaktoren der Versicherungswirtschaft. Im Interview mit AssCompact spricht die Generaldirektor-Stellvertreterin und designierte Vorstandsvorsitzende der Wiener Städtischen Versicherung über aktuelle Herausforderungen für Versicherer und Makler sowie die Zukunft von Vorsorge, Digitalisierung und Regulierung.

Kerstin Quirchtmayr

Redakteur/in: Kerstin Quirchtmayr - Veröffentlicht am 14.08.2026

Industrieversicherung: Verlässlichkeit als Anspruch

Die Industrie- und Gewerbeversicherung steht derzeit vor wirtschaftlichen und regulatorischen Herausforderungen. Gleichzeitig verändern sich die Marktbedingungen, nachdem sich die Kapazitätssituation zuletzt wieder entspannt hat. „Als größter Industrieversicherer Österreichs haben wir uns nie aus dem Industrie- und Gewerbemarkt zurückgezogen – auch dann nicht, als es Kapazitätsengpässe gab. Unser Anspruch war und ist es, die österreichische Wirtschaft verlässlich zu begleiten. Daran werden wir selbstverständlich auch in den derzeit weicheren Marktphasen festhalten.“

Kurze Wege im Underwriting

Für Maklerinnen und Makler sind schnelle Entscheidungen und kompetente Ansprechpartner im Underwriting wesentliche Voraussetzungen für eine gute Zusammenarbeit. Die regionale Entscheidungskompetenz sieht Brandtmayer dabei als einen wichtigen Erfolgsfaktor. „Bei den Partner-Roadshows höre ich von Maklerinnen und Maklern immer wieder, wie sehr sie regionale Ansprechpartner schätzen. Sie wollen rasch wissen, ob ein Risiko gezeichnet werden kann oder nicht. Dass wir diese Entscheidungen vor Ort beziehungsweise innerhalb kürzester Zeit treffen können, ist aus meiner Sicht einer der wichtigsten Faktoren für die Zusammenarbeit mit unseren Maklerpartnern.“

Gesundheitsvorsorge gewinnt an Bedeutung

Die Entwicklung des Gesundheitssystems verändert nach Einschätzung Brandtmayers auch die Bedeutung der privaten Krankenversicherung. Gesundheit zählt für sie zu den großen Zukunftsthemen. „Einerseits nehmen chronische Erkrankungen zu, andererseits achten die Menschen heute stärker denn je auf ihre Gesundheit und möchten möglichst lange aktiv bleiben. Auch unsere Gesundheitsstudie zeigt, dass 45% der Menschen das Gesundheitssystem als schlechter beurteilen als noch vor ein paar Jahren. Deshalb sehen wir die Krankenversicherung strategisch als wichtiges Zukunftsthema. Mittlerweile haben mehr als 3,8 Millionen Menschen in Österreich eine private Krankenversicherung – sie ist längst kein Luxus mehr, sondern ein Mainstream-Produkt.“

Für die künftige Entwicklung der privaten Krankenversicherung sieht Brandtmayer mehrere Gründe. Neben der Situation im Gesundheitssystem nennt sie auch die steigenden Erwartungen vieler Menschen an ihre medizinische Versorgung. „Viele Menschen sind mit dem Gesundheitssystem unzufrieden. Allein in Wien gibt es mehr als 4.000 Wahlärztinnen und Wahlärzte, aber nur rund 1.500 Kassenärztinnen und Kassenärzte. Gleichzeitig sind zwei Drittel aller Operationen planbar. Viele Menschen möchten ihren Arzt und auch ihr Spital selbst wählen. In Akutfällen darf es keinen Unterschied zwischen gesetzlich Versicherten und Sonderklassepatienten geben. Insgesamt wird die ergänzende private Krankenversicherung aber aus meiner Sicht weiter an Bedeutung gewinnen.“

Vorsorge früher thematisieren

Auch bei der Altersvorsorge sieht Brandtmayer dringenden Handlungsbedarf. Aus ihrer Sicht müsse die Diskussion über ergänzende Vorsorge deutlich früher geführt werden. „Schon heute fließt jeder vierte Steuer-Euro in die Finanzierung des Pensionssystems, künftig wird es jeder dritte sein. Deshalb müssen wir schon jetzt stärker über Vorsorge sprechen und nicht erst dann, wenn das System noch mehr unter Druck gerät. Aus unserer Sicht gilt es, sowohl die zweite Säule – die betriebliche Vorsorge – als auch die dritte Säule weiter zu stärken.“

Wie groß die Verunsicherung vieler Menschen bereits ist, zeigen auch die Ergebnisse der Vorsorgestudie der Wiener Städtischen. „Unsere Vorsorgestudie zeigt, dass rund 75% der Menschen nicht mehr an eine ausreichend hohe gesetzliche Pension glauben. Gleichzeitig gehen zwei Drittel davon aus, im Alter zumindest in Teilzeit weiterarbeiten zu müssen, um ihren Lebensstandard halten zu können. Das sind deutliche Signale. Hier braucht es gemeinsame Lösungen – auch seitens der Politik", so Brandtmayer.

Konsolidierung verändert den Maklermarkt

Die Konsolidierung im Maklermarkt führt laut Brandtmayers zu strukturellen Veränderungen. „Gründe dafür sind die zunehmende Regulatorik, der fehlende Nachwuchs sowie die notwendigen Investitionen in Digitalisierung und IT. Gerade für kleinere Betriebe werden diese Anforderungen immer anspruchsvoller. Ich bewerte diese Entwicklung weder positiv noch negativ. Größere Einheiten sind natürlich stärker skalierbar. Gleichzeitig lebt der österreichische Maklermarkt von seiner Regionalität und seiner Vielfalt. Wie sich diese Entwicklung weiter fortsetzt, wird sich zeigen.“

Versicherbarkeit und Regulatorik

Naturkatastrophen, Inflation und Entwicklungen am Rückversicherungsmarkt stellen die Versicherungswirtschaft vor große Herausforderungen. Gleichzeitig müsse Versicherungsschutz langfristig leistbar bleiben. „Das ist eine sehr große Herausforderung. Allein die Wiener Städtische hat seit 2010 rund 1,5 Mrd. Euro für Naturkatastrophenschäden geleistet. Der Durchschnitt der vergangenen fünf Jahre liegt bei rund 150 Mio. Euro pro Jahr. Das vergangene Jahr war zwar außergewöhnlich schadenarm, grundsätzlich ist aber entscheidend, dass Versicherungsschutz leistbar bleibt. Gleichzeitig beobachten wir am Rückversicherungsmarkt, dass Kapazitäten zurückgehen – sowohl bei Naturkatastrophenrisiken als auch bei Cyberrisiken. Hinzu kommt die Inflation, die sich ebenfalls auf die Prämien auswirkt", erklärt Brandtmayer. „Deshalb ist eine realistische Bewertung der Risiken entscheidend. Nur so können wir auch künftig leistbare Prämien anbieten. Andernfalls würde das System an seine Grenzen stoßen.“

Auch regulatorische Entwicklungen beschäftigen die Branche intensiv. „Derzeit beschäftigen uns mehrere regulatorische Themen. Dazu zählen die Retail Investment Strategy (RIS) und die damit verbundenen Auswirkungen auf die Insurance Distribution Directive (IDD). Auch FIDA verfolgen wir sehr genau, da wurden die Verhandlungen – auch aus geopolitischen Überlegungen – zuletzt aber eingestellt, was wir sehr begrüßen. Ein weiteres wichtiges Thema ist die Insurance Recovery and Resolution Directive (IRRD), die sich derzeit in Ausarbeitung befindet. Aus meiner Sicht darf Regulatorik jedoch kein Selbstzweck sein. Sie sollte Kundinnen und Kunden schützen, den Markt sicher gestalten und gleichzeitig Innovation ermöglichen. Die regulatorischen Anforderungen nehmen jedoch laufend zu – und das beobachten wir mit großer Sorge“, so Brandtmayr

Das gesamte Interview lesen Sie in der AssCompact August-Ausgabe!

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