Neue rechtliche Risiken, steigende Schadenaufwendungen und höhere Erwartungen der Kunden stellen die Rechtsschutzversicherung vor neue Herausforderungen. Mag. Ernst Bauer, Inhaber von Versicherungscoach Bauer e. U., spricht über die Grenzen der Versicherbarkeit, beratungsintensive Rechtsschutzprodukte und die Entwicklung des Versicherungsmaklers zum Risikomanager. Beim AssCompact Trendtag am 8. Oktober zeigt er, wie sich die Rechtsschutzversicherung künftig weiterentwickeln könnte.
Redakteur/in: Kerstin Quirchtmayr - Veröffentlicht am 09.09.2026
Digitalisierung und neue Technologien verändern nicht nur den Alltag von Unternehmen und Privatpersonen, sondern schaffen auch rechtliche Fragestellungen, für die es bislang kaum Erfahrungswerte gibt. Ernst Bauer sieht die Rechtsschutzversicherung dadurch auf mehreren Ebenen gefordert: „Unsere Lebens- und Arbeitswelt verändert sich rasant – und damit auch die rechtlichen Risiken. Digitalisierung, KI, Datenschutz und zahlreiche neue europarechtliche Vorgaben sind dafür nur einige Beispiele.“
Hinzu kommen nach Einschätzung Bauers Veränderungen im Verhalten der Kunden: „Immer stärker setzt sich die Erwartung durch, dass nahezu jeder erlittene Nachteil ausgeglichen werden muss, während die Bereitschaft zu Kompromissen sinkt. Kunden sind besser informiert und eher bereit, vermeintliche oder tatsächliche Rechte durchzusetzen. Das schafft zusätzliche Konflikte.“
Für die Versicherer entsteht daraus ein Spannungsfeld zwischen erweitertem Schutz und wirtschaftlicher Kalkulierbarkeit: „Der Versicherungsschutz soll mit neuen Risiken Schritt halten, gleichzeitig müssen Produkte kalkulierbar und wirtschaftlich bleiben. Produktentwicklung, Tarifierung und eine klare Definition des versicherten Risikos werden deshalb künftig noch wichtiger.“
Beim Rechtsschutz liegen die Unterschiede im Detail
Rechtsschutz gehört zu jenen Versicherungssparten, bei denen Vermittler neben den Bedingungen auch juristische Begriffe und deren Bedeutung für die Deckung verstehen müssen: „Begriffe wie Außerstreitverfahren, immaterieller Schadenersatz oder der Unterschied zwischen Vergehen und Verbrechen müssen verstanden werden, weil sie für den Versicherungsschutz relevant sein können.“
Entscheidend für die Beratung sind nach Einschätzung Bauers häufig Details, die beim oberflächlichen Produktvergleich kaum auffallen: „Ein scheinbar kleiner Unterschied in den Bedingungen kann im konkreten Rechtsfall darüber entscheiden, ob Versicherungsschutz besteht oder nicht. Die Herausforderung besteht daher nicht darin, irgendeinen Rechtsschutz zu vermitteln, sondern jenen, der zu den tatsächlichen Risiken des Kunden passt.“
Ein Vergleich anhand der Prämie allein reicht für Bauer deshalb nicht aus: „Dafür muss man Bedingungen nicht nur lesen, sondern ihre praktische Bedeutung verstehen. Ein reiner Prämienvergleich greift in dieser Sparte eindeutig zu kurz.“
„Rechtsschutz ist keine juristische Allgefahrendeckung“
Nicht jedes rechtliche Risiko lässt sich versichern. Eine wesentliche Grenze sieht Bauer dort, wo aus kalkulierbaren Einzelrisiken ein schwer einschätzbares Kumulrisiko wird: „Besonders deutlich wird das bei Massenschäden. Wenn ein Ereignis oder eine Rechtsfrage gleichzeitig tausende Versicherte betrifft, wird aus vielen kalkulierbaren Einzelrisiken plötzlich ein schwer kalkulierbares Kumulrisiko. Solche Entwicklungen können die Wirtschaftlichkeit einer ganzen Sparte erheblich belasten und letztlich zu höheren Prämien, engeren Deckungen oder neuen Ausschlüssen führen.“
Für die Beratung folgt daraus, dass neben dem Leistungsumfang auch die Grenzen eines Produkts klar angesprochen werden müssen: „Rechtsschutz ist keine juristische Allgefahrendeckung. Makler sollten daher nicht nur erklären, was versichert ist, sondern ebenso transparent auf Grenzen und Ausschlüsse hinweisen. Gerade diese sollte der Kunde beim Abschluss kennen – und nicht erst dann kennenlernen, wenn der Rechtsstreit bereits entstanden ist.“
Trendtag-Keynote: Die Zukunft der Rechtsschutzversicherung

Ernst Bauer, Mag. Ernst Bauer, Inhaber von Versicherungscoach Bauer e. U.
Beim AssCompact Trendtag am 8. Oktober 2026 in der Pyramide Wien/Vösendorf spricht Ernst Bauer über „Die Zukunft der Rechtsschutzversicherung – Herausforderungen, Trends und Entwicklungen“. Der Vortrag ist powered by ARAG SE. Im Mittelpunkt stehen neue Konfliktfelder, Risiken und Chancen sowie die Frage, welche Anforderungen sich daraus für Produkte und Beratung ergeben.
Bauer will dabei insbesondere zeigen, wie sich die Rolle der Vermittler weiterentwickelt – vom klassischen Versicherungsvermittler hin zum ganzheitlichen Risiko- und Konfliktberater: „Für die tägliche Beratung möchte ich vor allem drei Gedanken mitgeben: Erstens steht die Rechtsschutzversicherung vor einer spannenden, aber herausfordernden Phase. Neue Risiken und ein wachsendes Bedürfnis nach rechtlicher Absicherung treffen auf steigende Schadenaufwendungen und zunehmenden wirtschaftlichen Druck.“
Neben der Absicherung von Rechtsstreitigkeiten rücken aus seiner Sicht künftig weitere Aufgaben stärker in den Fokus. „Die Rechtsschutzversicherung der Zukunft ist Konfliktlöser. Dazu gehören auch Dienstleistungen zur Konfliktvermeidung und alternative Formen der Streitbeilegung wie Mediation oder Schlichtung“, so Bauer.
Für die Teilnehmer soll daraus auch ein konkreter Ansatz für die Beratungspraxis entstehen. „Rechtsschutz ist eine Querschnittsmaterie. Das erfordert eine ganzheitliche Betrachtung der Risiken des Kunden und die strategische Einbettung des Rechtsschutzes in ein umfassendes Versicherungskonzept“, ist Bauer überzeugt.
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