Die Lebensversicherung steht nach Jahren niedriger Zinsen und regulatorischer Eingriffe vor einer Neupositionierung. Mag. Andreas Bayerle (Helvetia Österreich), Stefan Otto (WWK Versicherungen) und Markus Zahrnhofer (Merkur Lebensversicherung) sprechen im ersten Teil des Beitrages zum Thema Lebensversicherung darüber, welche Rolle klassische und fondsgebundene Modelle heute spielen und wo die größten Herausforderungen liegen.
Redakteur/in: Kerstin Quirchtmayr - Veröffentlicht am 24.04.2026
Neuausrichtung im Marktumfeld
Die Lebensversicherung hat in den vergangenen Jahren einen deutlichen Wandel durchlaufen. Niedrigzinsumfeld, regulatorische Anforderungen und ein kritischer öffentlicher Diskurs haben das Geschäft geprägt. Gleichzeitig zeigt sich aktuell eine Verschiebung hin zu kapitalmarktorientierten Lösungen und einer differenzierteren Betrachtung der Sparte.
Andreas Bayerle beschreibt die Entwicklung als deutlich komplexer, als sie oft dargestellt wird, und sieht im aktuellen Umfeld wieder steigende Relevanz: „Die Lebensversicherung hat in den vergangenen Jahren zweifellos anspruchsvolle Rahmenbedingungen erlebt – von anhaltender Niedrigzinsphase über steigende regulatorische Anforderungen bis hin zu einem teils kritischen öffentlichen Diskurs. Heute zeigt sich jedoch ein deutlich differenzierteres Bild. Das aktuelle wirtschaftliche Umfeld stärkt die Relevanz der Lebensversicherung spürbar. Während klassische Sparprodukte bei moderaten Zinserwartungen nur begrenzte Perspektiven bieten, wächst zugleich das Bewusstsein für strukturierten, langfristigen Vermögensaufbau. In diesem Kontext positioniert sich die Lebensversicherung als strategisches Vorsorgeinstrument. Die fondsgebundene Lebensversicherung verbindet langfristige Ertragschancen mit Flexibilität und bietet durch die steuerliche Begünstigung während der Laufzeit einen wesentlichen Mehrwert gegenüber vielen alternativen Anlageformen. Hinzu kommt: Es gibt nur wenige Lösungen am Markt, die Vermögensaufbau, steuerliche Vorteile und Absicherung in einem Produkt bündeln. Bereits mit einem monatlichen Beitrag ab 35 Euro lässt sich systematisch Kapital aufbauen.“
Stefan Otto sieht die Entwicklung differenziert zwischen klassischen und fondsgebundenen Modellen und ordnet die Verschiebung klar strategisch ein: „Die klassische Lebensversicherung hat in den letzten Jahren an Bedeutung verloren. Das Geschäftsmodell bietet zwar in der Regel eine garantierte Verzinsung und steht vor allem für Stabilität und Planbarkeit, allerdings mit begrenztem Renditepotenzial. Die fondsgebundene Lebensversicherung ist hingegen klar das strategische Wachstumssegment. Sie verbindet langfristige Kapitalmarktbeteiligung mit Flexibilität in Anspar- und Rentenphase. Wir bei der WWK Lebensversicherung a. G. setzen bewusst auf diese Ausrichtung: renditeorientierte Lösungen mit attraktiven garantierten Rentenfaktoren und gleichzeitig hoher Anpassungsfähigkeit über die gesamte Vertragslaufzeit.“
Markus Zahrnhofer betont die weiterhin grundlegende Bedeutung der Lebensversicherung, sieht aber gleichzeitig eine klare Veränderung der Rahmenbedingungen und Kundenanforderungen: „Wer eigenverantwortlich und langfristig für die Pension vorsorgen möchte und sich nicht ausschließlich auf die staatliche Versorgung verlassen will, kommt an der Lebensversicherung nach wie vor nicht vorbei. Sie bleibt ein zentraler Baustein der privaten Vorsorge. Der starke Fokus auf die klassische Lebensversicherung war in der Vergangenheit vor dem damaligen Zinsumfeld nachvollziehbar und sinnvoll. Garantien standen im Vordergrund und erfüllten das Sicherheitsbedürfnis vieler Kunden. Allerdings haben sich sowohl die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen als auch die Anforderungen der Kunden in den letzten Jahrzehnten deutlich verändert. Heute verschiebt sich der Schwerpunkt klar in Richtung kapitalmarktorientierter Lösungen. Die fondsgebundene Lebensversicherung gewinnt strategisch an Bedeutung, da sie die Ertragschancen der Kapitalmärkte besser nutzbar macht. Gleichzeitig behalten auch Produkte mit Garantien ihre Berechtigung – insbesondere für sicherheitsorientierte Kundensegmente. Entscheidend ist letztlich die individuelle Ausgestaltung.“
Vorsorgelücke als zentrales Thema
Die zunehmende Belastung der staatlichen Pensionssysteme rückt die private Vorsorge stärker in den Fokus. Gleichzeitig zeigt sich, dass viele Menschen den Einstieg in die Vorsorge weiterhin aufschieben oder unsicher sind. Die Frage ist daher nicht nur, welche Lösungen vorhanden sind, sondern warum sie oft zu spät genutzt werden.
Andreas Bayerle sieht vor allem das Verhalten der Kunden als entscheidenden Faktor und betont die Bedeutung eines frühen Einstiegs. „Die demografische Entwicklung erhöht den Druck auf die staatlichen Pensionssysteme deutlich. Private Vorsorge wird daher immer wichtiger, um Versorgungslücken im Alter zu schließen. Gleichzeitig beobachten wir, dass viele Menschen beim Thema Veranlagung zögern. Aus Angst, eine vermeintlich falsche Entscheidung zu treffen, wird der Einstieg oft aufgeschoben. Dabei ist der wichtigste Schritt, überhaupt zu beginnen. Ob 35, 100 oder 300 Euro im Monat: Regelmäßiges Sparen über einen langen Zeitraum macht einen entscheidenden Unterschied. Als Versicherungswirtschaft sehen wir deshalb auch eine klare Aufgabe in der Aufklärung. Viele unterschätzen ihre spätere Versorgungslücke oder beschäftigen sich zu spät mit dem Thema.“
Stefan Otto verweist zusätzlich auf strukturelle Probleme im System sowie fehlende politische Impulse. „Die demografische Entwicklung erhöht den Druck auf das staatliche Pensionssystem massiv. Private und betriebliche Vorsorge müssen daher eine deutlich stärkere Rolle übernehmen. Gleichzeitig ist das gesellschaftliche Bewusstsein für die Dringlichkeit zusätzlicher Vorsorge noch nicht ausreichend ausgeprägt. Altersvorsorge wird häufig verdrängt, politische Rahmenbedingungen sind nicht immer langfristig planbar, und der öffentliche Diskurs konzentriert sich oftmals stärker auf Kosten als auf reale Versorgungslücken. Um die private Vorsorge nachhaltig zu stärken, braucht es aber auch klare staatliche Impulse. Steuerliche Absetzbarkeit sowie eine zeitgemäße Anpassung bestehender Fördergrenzen wären wichtige Signale.“
Markus Zahrnhofer sieht insbesondere ein Kommunikations- und Verantwortungsproblem über mehrere Ebenen hinweg. „Lebensversicherer übernehmen eine zentrale Rolle bei der Schließung der Vorsorgelücke und stellen sowohl in der zweiten als auch in der dritten Säule wesentliche Bausteine bereit. Gleichzeitig ist absehbar, dass die staatliche Säule künftig nicht stabiler wird – im Gegenteil: Die Leistungen werden tendenziell eher unter Druck geraten. Umso wichtiger ist es, private Vorsorge stärker ins Bewusstsein zu rücken. Hier liegt derzeit ein wesentliches Defizit. Das Thema wird vielfach verdrängt oder zu wenig klar kommuniziert. Es braucht mehr Aufklärung und eine offenere, ehrlichere Diskussion – und zwar über alle Ebenen hinweg: Versicherer, Makler und Medien sind gleichermaßen gefordert.“
Wachstumstreiber im LV-Geschäft
Die Entwicklung im Lebensversicherungsgeschäft zeigt derzeit ein differenziertes Bild. Während klassische Produkte weiter an Bedeutung verlieren, gewinnen kapitalmarktorientierte Lösungen zunehmend an Gewicht. Gleichzeitig lassen sich klare Wachstumstreiber identifizieren, die je nach Anbieter unterschiedlich ausgeprägt sind.
Andreas Bayerle sieht insbesondere im fondsgebundenen Bereich eine anhaltend starke Dynamik und verweist auf konkrete Zahlen aus der eigenen Entwicklung. „Helvetia Österreich ist heute klar als Spezialistin für fondsgebundene Lebensversicherung positioniert und wächst in diesem Segment überdurchschnittlich. Knapp 9.900 Neu-Verträge im vergangenen Geschäftsjahr bestätigen: Unser Fokus auf moderne, kapitalmarktorientierte Vorsorgelösungen trifft den Zeitgeist. Sparen ist auch 2026 das dominierende Thema: Wir erwarten weiterhin Rückenwind in der fondsgebundenen Lebensversicherung. Gerade in Österreich wird nach wie vor sehr viel Geld am Sparbuch gehalten – trotz realer Kaufkraftverluste durch niedrige Verzinsung. Hier sehen wir noch großes Potenzial, Menschen für langfristige Kapitalmarktinvestments zu gewinnen. Gegenwind erwarten wir vor allem auf regulatorischer Ebene.“
Stefan Otto führt die positive Entwicklung ebenfalls auf das fondsgebundene Geschäft zurück, betont jedoch stärker die Rolle konkreter Produktlösungen und deren Ausgestaltung. „Im fondsgebundenen Bereich verzeichnen wir eine sehr positive Entwicklung. Wachstumstreiber ist unsere WWK Premium FondsRente 2.0. Die Fondspolizze bietet eine breite Auswahl an modernen Investmentkonzepten wie beispielsweise unsere beiden ganz neuen KI-gestützten Fonds der Produktreihe WWK KI Alpha. In Kombination mit attraktiven Rentengarantiefaktoren, optionalem Rebalancing der gewählten Anlagestruktur und der Möglichkeit, auch in der Rentenphase chancenreich investiert zu sein, bietet das Altersvorsorgeprodukt viele Highlights für den österreichischen Markt. Nicht zu unterschätzen ist zudem die von uns angebotene BioRisk-Option.“
Markus Zahrnhofer beschreibt die aktuelle Geschäftsentwicklung insgesamt als stabil und verweist neben der fondsgebundenen Vorsorge auch auf weitere Wachstumstreiber innerhalb der Sparte. „Wir sind mit der aktuellen Entwicklung im Lebensversicherungsgeschäft sehr zufrieden. Die Nachfrage ist stabil, und wir sehen klare Wachstumstreiber. Besonders dynamisch entwickelt sich die fondsgebundene Lebensversicherung, insbesondere in Kombination mit neuen Auszahlungsmodellen wie dem Auszahlungsplan. Diese Lösungen treffen den Bedarf nach Flexibilität und planbarer Entnahmephase sehr gut. Darüber hinaus bleibt auch die Berufsunfähigkeitsversicherung ein wesentlicher Wachstumstreiber, da das Bewusstsein für die Absicherung der Arbeitskraft zunehmend steigt.“
Lesen Sie morgen, im zweiten Teil des Beitrages zum Thema „Lebensversicherung“, welche Entwicklungen sich im Vertrieb abzeichnen, welche Anforderungen an Produkte gestellt werden und wie sich die Rolle von Technologie künftig verändern könnte.
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Foto oben v.l.n.r.: Mag. Andreas Bayerle (Vorstand Leben & Finanzen von Helvetia Österreich), Stefan Otto (Vertriebsdirektor Österreich WWK Versicherungen) und Markus Zahrnhofer (CEO der Merkur Lebensversicherung AG)
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