Digitalisierung, Gesundheit, Naturkatastrophen, Cyberrisiken und geopolitische Veränderungen stellen Versicherer vor neue Anforderungen. Peter Höfinger, Generaldirektor-Stellvertreter der Vienna Insurance Group (VIG), spricht über die Entwicklung der Märkte in Zentral- und Osteuropa, die Grenzen der Versicherbarkeit, zunehmende Regulierung und darüber, warum der Mensch trotz technologischen Fortschritts für die Versicherungswirtschaft noch wichtiger wird.
Redakteur/in: Kerstin Quirchtmayr - Veröffentlicht am 18.09.2026
Seit 2009 gehört Peter Höfinger dem Top-Management der Vienna Insurance Group an. In dieser Zeit hat sich nicht nur die VIG stark entwickelt, auch in ihren Kernmärkten in Zentral- und Osteuropa hat sich viel verändert. Für die Versicherungswirtschaft sieht Höfinger dort weiterhin erheblichen Spielraum: „Ein wesentlicher Trend der vergangenen Jahre ist die zunehmende Konsolidierung. Viele kleinere Versicherungsunternehmen sind vom Markt verschwunden. Außerdem prägt auch die Aufholentwicklung des Lebensstandards in Zentral- und Osteuropa und damit die Steigerung des Prämienaufkommens pro Kopf unsere Region weiterhin.“
Besonders deutlich unterscheiden sich die Märkte beim Kundenverhalten von Westeuropa: „Gleichzeitig sind unsere Kundinnen und Kunden in Zentral- und Osteuropa deutlich digitaler als in Westeuropa. Entsprechend haben sie auch andere Erwartungen an Versicherungsunternehmen. Sie leben mit dem Smartphone und möchten Informationen sowie Services auch unmittelbar darüber abrufen können.“
Auch im Gesundheitsbereich beobachtet Höfinger eine Entwicklung, die künftig über die Region hinaus Bedeutung bekommen könnte: „Einerseits ist Zentral- und Osteuropa beim Thema Digitalisierung weiter als viele westeuropäische Länder, andererseits wird auch das Thema Gesundheit – insbesondere in Verbindung mit digitalen Lösungen – deutlich stärker vorangetrieben. Ich bin überzeugt, dass beide Entwicklungen auch Westeuropa nachhaltig prägen werden.“
Geopolitik verändert internationale Versicherungskonzepte
Wirtschaftlich wächst Zentral- und Osteuropa Höfinger zufolge seit der Covid-Pandemie etwa doppelt so stark wie Westeuropa. Der Trend zu neuen Produktionsstandorten in der Region erhöht den Versicherungsbedarf, während das internationale Geschäft komplexer wird: „Gleichzeitig entwickeln wir uns wieder in Richtung einer multipolaren Welt. Deglobalisierung, Zölle und Sanktionen nehmen zu. Das bedeutet, dass wir unsere Kundinnen und Kunden in diesen neuen Risikobereichen begleiten müssen.“
Besonders betroffen sind Unternehmen, die außerhalb Europas produzieren. „Konzepte, die in einer globalisierten Welt funktioniert haben, stoßen heute teilweise an ihre Grenzen – etwa, wenn Finanzströme eingeschränkt sind oder internationale Programmpolicen nicht mehr wie bisher umgesetzt werden können. Deshalb müssen wir viele dieser Modelle an die neuen geopolitischen Rahmenbedingungen anpassen“, erklärt Höfinger
Prävention bei Naturgefahren
Bei Naturkatastrophen geht es für Höfinger zunehmend darum, Schäden nicht nur finanziell abzusichern, sondern Risiken bereits im Vorfeld beherrschbarer zu machen: „Naturkatastrophen zählen zu unseren Kernthemen. Hier ist die Versicherungswirtschaft gefordert, gemeinsam mit ihren Kunden und der Gesellschaft Entwicklungen anzustoßen. Im Mittelpunkt stehen Prävention und Anpassung.“
Wie weit entsprechende Maßnahmen bereits umgesetzt sind, unterscheidet sich innerhalb Europas deutlich: „Bei Naturkatastrophen sind Österreich, Tschechien und auch Polen hinsichtlich Präventionsmaßnahmen sehr gut aufgestellt. Hier wurden durch Kommunen und den Staat umfangreiche Hochwasserschutzmaßnahmen umgesetzt. Im Vergleich dazu ist Deutschland eher im Hintertreffen. Ich glaube daher, dass wir in unserer Region bei diesem Thema in manchen Bereichen sogar weiter sind als viele Länder Westeuropas“, erläutert Höfinger.
Cyber als Grenze der Versicherbarkeit
Noch schwieriger ist die Situation bei Risiken, die eine große Zahl von Versicherungsnehmern gleichzeitig treffen können. Im Cyberbereich sieht Höfinger deshalb bereits heute Grenzen: „Cyber ist derzeit eines der kritischsten Themen. Bis heute gibt es keine eindeutige Antwort darauf, wie sich Cyberrisiken tatsächlich diversifizieren lassen. Sie betreffen viele gleichzeitig, weshalb sowohl bei Cyberversicherungen als auch in der Rückversicherung klare Deckungsgrenzen bestehen. Hier sehen wir heute eine Grenze der Versicherbarkeit.“
Der technologische Fortschritt bringt dabei Chancen und zusätzliche Gefahren zugleich. „Künstliche Intelligenz wird einerseits viele Prozesse vereinfachen und auch von unseren Kundinnen und Kunden verstärkt genutzt werden. Gleichzeitig verstärkt sie aber Cyberangriffe erheblich. Diese Entwicklung beobachten wir bereits heute und ich bin überzeugt, dass sie sich weiter fortsetzen wird“, so Höfinger.
Regulierung mit Augenmaß
Weitere Veränderungen erwartet Höfinger durch Vorgaben auf europäischer Ebene. Kritisch beurteilt er vor allem die Frage, ob der damit verbundene Aufwand immer gerechtfertigt ist: „Ob der damit verbundene Aufwand immer im richtigen Verhältnis zum Nutzen steht, sehe ich allerdings kritisch. Teilweise entsteht der Eindruck, dass Regulierungen aus dem Bankensektor auf die Versicherungswirtschaft übertragen werden, obwohl unser Geschäftsmodell eine bei weitem höhere Resilienz als Banken bewiesen hat.“
Dabei müsse nach seiner Einschätzung auch die internationale Wettbewerbsposition der europäischen Versicherungswirtschaft berücksichtigt werden: „Europa ist führend in der Versicherungsindustrie. Sowohl in der Erst- als auch in der Rückversicherung kommen die globalen und regionalen Marktführer – darunter auch die VIG – aus Europa. Daher sollte man diese Regulierungsinitiativen mit Bedacht verfolgen und diese weltweite Führungsposition nicht durch signifikante Wettbewerbsnachteile gefährden.“
Gesundheit und Technologie als strategische Schwerpunkte
Für die kommenden Jahre setzt die VIG auf Gesundheit und Technologie. Im Gesundheitsbereich geht der Ansatz über klassische Versicherungsprodukte hinaus. „Ein strategischer Fokus liegt auf dem Thema Gesundheit – allerdings mit einem ganzheitlichen Ansatz. Es geht nicht nur um die Krankenversicherung, sondern um die Begleitung unserer Kundinnen und Kunden in Gesundheitsfragen“, so Höfinger.
Mit dem technologischen Wandel gewinnt für Höfinger zugleich der persönliche Faktor an Bedeutung: „Viele Dienstleistungen der Versicherungswirtschaft werden durch den technologischen Fortschritt immer ähnlicher. Der entscheidende Unterschied liegt deshalb künftig noch mehr im Vertrieb und in den Menschen. Unsere Priorität ist es, unsere unterschiedlichen Vertriebswege bestmöglich zu unterstützen, damit sie den Kundinnen und Kunden passende Produkte und eine hochwertige Beratung bieten können.“
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Foto oben v.l.n.r.: Peter Höfinger, Generaldirektor-Stellvertreter der Vienna Insurance Group (VIG), im Gespräch mit AssCompact Herausgeber Franz Waghubinger
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