Steigende Schadenkosten, neue Risikotreiber und wachsende Anforderungen setzen die Gewerbeversicherung zunehmend unter Druck. Beim AssCompact Roundtable diskutierten Makler und Versicherer, warum Standardlösungen immer öfter an ihre Grenzen stoßen, welche Rolle Mindestprämien und Selbstbehalte spielen – und weshalb mehr Ehrlichkeit in der Preis- und Risikodiskussion unvermeidlich wird.
Redakteur/in: Andreas Richter - Veröffentlicht am 12.02.2026
Im Vorfeld des AssCompact Gewerbesymposiums am 3. März lud AssCompact ausgewählte Branchenvertreter sowie die Partner des Symposiums zu einem Roundtable ins AssCompact Mediencenter Gasometer ein. Unter dem Motto „Die Zukunft der Gewerbeversicherung im Zeitalter neuer Realitäten“ stand die Frage im Mittelpunkt, wie sich Gewerbe- und Industrieversicherung unter veränderten wirtschaftlichen, regulatorischen und risikotechnischen Rahmenbedingungen weiterentwickeln müssen. Vertreter aus Makler- und Versicherungsunternehmen diskutierten offen über zentrale Herausforderungen, notwendige Anpassungen und mögliche Lösungsansätze für eine langfristig tragfähige Risikobewältigung.
Vom vermeintlichen Breitengeschäft zum differenzierten Risikosegment
Der Gewerbeversicherungsmarkt steht an einem Wendepunkt. Was über Jahre hinweg als verlässliches, skalierbares Breitengeschäft galt, zeigt zunehmend Risse – nicht abrupt, sondern schleichend. Steigende Schadenkosten, neue Risikotreiber, veränderte Geschäftsmodelle und wachsende regulatorische Anforderungen treffen auf Marktstrukturen, die lange von Standardisierung, Effizienz und Preisdruck geprägt waren. Der AssCompact Gewerbeversicherungs-Roundtable machte deutlich: Die Branche ringt weniger mit einzelnen Problemen als mit einem grundlegenden Strukturthema.
Im Mittelpunkt war dabei anfangs die Erkenntnis, dass sich Gewerbeversicherung nicht mehr sinnvoll entlang einfacher Größenkriterien definieren lässt. Umsatz, Mitarbeiterzahl oder Versicherungssumme greifen zu kurz. Stattdessen rücken Risikodichte, Internationalität, technologische Abhängigkeiten und Haftungsdimensionen in den Vordergrund. Damit verändert sich auch die strategische Rolle der Gewerbeversicherung: Sie ist nicht länger bloß Absicherung bestehender Werte, sondern zunehmend Instrument zur Stabilisierung unternehmerischer Geschäftsmodelle.
Was ist eigentlich „groß“ im KMU-Segment?
Ein wiederkehrender Diskussionspunkt war die Frage nach der richtigen Abgrenzung des KMU-Segments. Der Roundtable zeigte sehr klar, dass Komplexität heute nicht linear mit Unternehmensgröße wächst. Ein kleines Start-up mit datengetriebenem Geschäftsmodell, internationaler Kundenbasis und regulatorischer Exponierung kann versicherungsfachlich anspruchsvoller sein als ein klassischer Produktionsbetrieb mit überschaubaren Risiken.
Diese Verschiebung stellt sowohl Makler als auch Versicherer vor neue Herausforderungen. Während standardisierte Produkte für klassische Gewerbebetriebe weiterhin ihre Berechtigung haben, stoßen sie bei neuen Branchen, hybriden Geschäftsmodellen und wissensbasierten Dienstleistungen rasch an Grenzen. Gleichzeitig wurde betont, dass nicht jede Abweichung vom Standard automatisch Individualität rechtfertigt. Die Kunst liegt in der sauberen Differenzierung – und genau hier beginnt der Mehraufwand.
Neue Risiken, alte Kostenstrukturen
Besonders deutlich wurde die Spannung zwischen neuen Risiken und alten Kostenlogiken. Individualität, Flexibilität und maßgeschneiderte Deckungen werden vielfach gefordert – ihre Kosten werden jedoch oft unterschätzt. Versichererseitig wurde offen dargelegt, dass individuelles Underwriting, Sonderwordings, Side Letters oder branchenspezifische Konzepte erhebliche interne Ressourcen binden: Underwriter, Risikoingenieure, Juristen, IT-Systeme und Schadenexpertise.
Diese Kosten lassen sich nicht beliebig auf kleine Prämienvolumina umlegen. Daraus ergibt sich ein strukturelles Dilemma: Je kleiner die Prämie, desto geringer der Spielraum für Individualität. Der Roundtable brachte hier eine selten so offen ausgesprochene Wahrheit auf den Punkt: Ohne Mindestprämien bleibt Individualität ein wirtschaftliches Verlustgeschäft – unabhängig vom guten Willen aller Beteiligten.
Mindestprämien als Tabuthema
Mindestprämien wurden im Verlauf der Diskussion zu einem zentralen, bislang jedoch kaum offen adressierten Thema. Aus Sicht der Versicherer sind sie Voraussetzung dafür, individuelle Lösungen überhaupt anbieten zu können. Aus Sicht der Makler stoßen sie jedoch häufig auf Akzeptanzprobleme bei Kunden, die über Jahre hinweg an umfassende Deckungen zu vergleichsweise niedrigen Prämien gewöhnt wurden.
Der Roundtable zeigte: Solange Mindestprämien nicht transparent kommuniziert und marktweit konsistent angewendet werden, bleiben sie schwer durchsetzbar. Gleichzeitig wurde aber auch deutlich, dass viele Kunden durchaus bereit wären, für nachvollziehbare, existenzsichernde Lösungen mehr zu bezahlen – sofern der Mehrwert klar erklärt wird. Hier treffen sich Makler- und Versicherersicht in einem Punkt: Ehrlichkeit in der Preisargumentation wird zur Schlüsselkompetenz.
Selbstbehalte: Zwischen Systemnotwendigkeit und Mentalitätsfrage
Kaum ein Thema wurde so intensiv und emotional diskutiert wie Selbstbehalte. Einigkeit bestand darüber, dass Kleinschäden enorme Prozesskosten verursachen, ohne echten Nutzen für die Existenzsicherung der Unternehmen zu bringen. Dennoch ist die Akzeptanz höherer Selbstbehalte im österreichischen Markt traditionell gering.
Versichererseitig wurde betont, dass Selbstbehalte nur dann wirken, wenn sie flächendeckend eingeführt werden. Einzelne Vorstöße einzelner Anbieter scheitern regelmäßig am Wettbewerbsdruck. Makler wiederum berichteten, dass Kunden durchaus bereit wären, Selbstbehalte zu akzeptieren – vorausgesetzt, sie führen zu spürbaren Prämienreduktionen und werden logisch begründet.
Der gemeinsame Nenner: Selbstbehalte müssen als Instrument der Risikosteuerung und Existenzsicherung positioniert werden, nicht als Sparmaßnahme des Versicherers. Ohne diese kommunikative Neupositionierung bleibt das Thema blockiert.
Lesen Sie morgen im zweiten Teil des Beitrags zum Roundtable, warum die Qualität der Risikoaufbereitung durch Makler zunehmend über Versicherbarkeit entscheidet, welche Rolle Spezialisierung und Kooperation spielen – und weshalb Risikotransparenz für Versicherer und Vermittler zum zentralen Erfolgsfaktor wird.
Die Teilnehmer des AssCompact Roundtables:
- Moderator: AssCompact Herausgeber Franz Waghubinger
- Dr. Martin Beste (Geschäftsführer, R+V Allgemeine Versicherung AG, Niederlassung Österreich)
- Elisabeth Bicik (Geschäftsführende Gesellschafterin, Bicik & Struggl Insurance Brokers GmbH)
- Andreas Brandl (Abteilungsleiter Gewerbekoordination, DONAU Versicherung AG)
- Christoph Bachlechner, MBA (Leitung Partnervertrieb Österreich, Wiener Städtische Versicherung AG)
- Jens Fischer (Leiter Underwriting Gewerbe & Industrie, Allianz Elementar Versicherungs-AG)
- Oliver Fuss (Niederlassungsleiter, Raiffeisen Versicherungs-Maklerdienst GmbH)
- Mag. Alexander Gimborn (Präsident ÖVM)
- Sebastian Eckl, MBA (Leiter Produktmanagement SME, UNIQA Insurance Group AG)
- Christoph Kopp (Geschäftsführer & Inhaber, Glantschnig Versicherungsmakler GmbH, Ressortleiter Gewerbeversicherung, IGV)
- Akad. Vkfm. Christian Mara (Geschäftsführer, GGW Versicherungsmakler GmbH)
- Mag. Hubert-Philipp Sprosec (Chief Underwriting Officer Retail, Mitglied des Vorstandes, Zürich Versicherungs-Aktiengesellschaft)
- Mag. (FH) Thomas Wild (Bereichsleitung Versicherungstechnik Schaden-Unfall, Niederösterreichische Versicherung AG)
- Dr. Christoph Zauner (Leiter Retail und Corporate, Generali Versicherung AG)
AssCompact Gewerbeversicherungssymposium 2026

Die beim AssCompact Roundtable angesprochenen Fragen zur Zukunft der Gewerbeversicherung werden beim AssCompact Gewerbeversicherungssymposium 2026 weiter vertieft. Vor dem Hintergrund wirtschaftlicher Unsicherheit, neuer Haftungsrisiken durch Digitalisierung und steigender Anforderungen an Transparenz und Dokumentation richtet sich das Symposium an Versicherungsmakler, die Risiken im Gewerbe- und KMU-Bereich fundiert bewerten und nachvollziehbar absichern müssen.
Im Programm stehen unter anderem die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen für österreichische Unternehmen, die professionelle Aufbereitung von Risiken als Voraussetzung für Versicherbarkeit, die richtige Bewertung von Versicherungs- und Deckungssummen sowie neue digitale Risiko- und Haftungsszenarien. Ergänzt wird dies durch rechtliche Einordnungen zur Maklerhaftung auf Basis aktueller OGH-Entscheidungen. Teilnehmer können bis zu fünf unabhängige IDD-Weiterbildungsstunden erwerben.
Termin: 3. März 2026, Einlass ab 8:00 Uhr
Ort: Eventhotel Pyramide Wien/Vösendorf
Ticket: 205 Euro zzgl. MwSt. (Normalpreis 410 Euro zzgl. MwSt.)
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