Globale Spannungen, wirtschaftliche Umbrüche und strukturelle Schwächen verändern die Rahmenbedingungen für Unternehmen spürbar. Mag. Hanno Lorenz, stellvertretender Direktor von Agenda Austria, und Keynote-Referent beim AssCompact Gewerbeversicherungssymposium 2026, spricht im Interview über die Ursachen der anhaltend schwachen wirtschaftlichen Dynamik, über Wettbewerbsfähigkeit, Produktivität, Arbeitskräftemangel und Digitalisierung sowie über die Frage, wie sich Unternehmen strategisch auf eine neue Normalität der Unsicherheit einstellen können.
Redakteur/in: Kerstin Quirchtmayr - Veröffentlicht am 18.02.2026
Österreichs Unternehmen sehen sich seit geraumer Zeit mit einem Umfeld konfrontiert, das von Unsicherheit, steigenden Kosten und schwacher wirtschaftlicher Dynamik geprägt ist. Globale Entwicklungen treffen dabei auf hausgemachte strukturelle Probleme, die Investitionsentscheidungen erschweren und langfristige Planung zunehmend verkomplizieren. Für Betriebe – insbesondere im KMU-Bereich – wird strategische Vorsorge damit zu einem zentralen Faktor wirtschaftlicher Stabilität.
Strukturelle Faktoren bremsen das Wachstum
Die wirtschaftliche Stagnation ist nach Einschätzung von Hanno Lorenz kein kurzfristiges Phänomen, sondern Ausdruck mehrerer tief verankerter Standortprobleme. „Österreichs Standort sieht sich mit drei Herausforderungen konfrontiert. Zusammen sorgen sie dafür, dass die Wachstumspotenziale, die dieses Land hat, seit Jahren sinken und mittlerweile bei weniger als einem Prozentpunkt Realwachstum angekommen sind“, erklärt Lorenz. „Erstens geht die Generation der Baby-Boomer in Pension, während weniger junge Menschen nachkommen. Zweitens ist das Produktivitätswachstum vollkommen eingebrochen. Drittens verdrängt der Staat zunehmend private Aktivitäten – teils gewollt, teils unbeabsichtigt durch steigende Ausgaben, Steuern und Regulierung.“
Investitionszurückhaltung gefährdet den Standort
Vor diesem Hintergrund reagieren viele Unternehmen mit Zurückhaltung bei neuen Projekten. Diese Vorsicht bewertet Lorenz als ernstzunehmendes Warnsignal für die weitere wirtschaftliche Entwicklung. „Die Investitionszurückhaltung ist im Grunde die Vorstufe zur Abwanderung. Zuerst werden Projekte aufgeschoben, bleiben die Hemmnisse dauerhaft bestehen, beginnen die Investitionen im Ausland“, erläutert Lorenz. „Ab dem Punkt ist der Zug dann eigentlich abgefahren. Was einmal abgewandert ist, kommt bei den aktuell schlechten Rahmenbedingungen auch nicht wieder ins Land zurück. Mittel- bis langfristig gehen dann auch die Arbeitsplätze verloren.“
Kosten, Energie und Bürokratie als Wettbewerbsnachteil
Im internationalen Vergleich geraten österreichische Unternehmen laut Lorenz zunehmend unter Druck. Neben hohen Lohnkosten spielen vor allem Energiepreise und Bürokratie eine zentrale Rolle. „Eine entwickelte Volkswirtschaft wie Österreich kann an den Weltmärkten nur über Qualität konkurrenzfähig sein“, ist Lorenz überzeugt. „Aber in den letzten Jahren sind die Kosten durch hohe Lohn- und Energiekosten sprichwörtlich durch die Decke gegangen, hinzu kommen Kosten aus zusätzlicher Bürokratie. Diese belasten insbesondere kleine und mittelständische Betriebe, die sich keine großen Rechtsabteilungen leisten können.“
Mittelstand zwischen Resilienz und Marktaustritten
Kleine und mittlere Unternehmen gelten als Rückgrat der österreichischen Wirtschaft. Gleichzeitig stehen sie unter besonderem Anpassungsdruck, etwa bei Nachfolgefragen und langfristiger Standortentscheidung. „Wer es in Österreich schafft, der schafft es überall auf der Welt. Entsprechend resilient ist auch der Mittelstand im Land“, so Lorenz. „Nichtsdestotrotz wird es zu weiteren Marktaustritten kommen, da die Rahmenbedingungen einfach nicht mehr stimmen, um hier noch erfolgreich sein zu können. Besonders bei Betriebsübergaben zeigt sich, dass sich die nächste Generation diese Belastungen oft nicht mehr antun will.“
Digitalisierung und KI zwischen Chance und Regulierung
Technologische Entwicklungen verändern Geschäftsmodelle und Produktionsprozesse zunehmend. Gleichzeitig steigen Investitionsbedarf und regulatorische Anforderungen „Digitalisierung und Künstliche Intelligenz sind sicher der große Wettbewerbsfaktor. Hier wird man mehr Risiko gehen müssen, um nicht zu spät auf Trends aufzuspringen“, erklärt Lorenz. „Ein zu enges Regelwerk, das Datenzugang, Cloud-Nutzung oder algorithmische Methoden blockiert, verhindert Innovation. Überbordende Dokumentationspflichten oder Verbote von automatisierten Entscheidungen drohen wiederum den Nutzen zu überlagern.“
Versicherbarkeit und Prävention als gesamtwirtschaftliche Aufgabe
Auch bei der Frage der Versicherbarkeit sieht Lorenz Handlungsbedarf, insbesondere mit Blick auf Prävention und Risikominimierung. „Ein Ziel, das öffentlich unterstützt werden sollte, ist sicher die Investition in Prävention“, betont Lorenz. „Der Ausbau der Cyber-Sicherheit oder Investitionen in Maßnahmen gegen Hochwasser können das Risiko zwar nicht immer reduzieren, aber zumindest den potenziellen Schaden mindern. Damit werden Risiken kalkulierbarer, auch wenn sie nicht vollständig vermeidbar sind.“
Demografie setzt Produktivität und Sozialsysteme unter Druck
Die demografische Entwicklung verschärft aus Sicht von Lorenz den Druck auf Produktivität, Arbeitsmarkt und soziale Sicherungssysteme zusätzlich. „Wenn wir den Wohlstand und den Sozialstaat auf dem Niveau halten wollen, müssen wir mehr und länger arbeiten“, so Lorenz. „Dafür braucht es Reformen im Sozialsystem ebenso wie im Steuersystem. Künstliche Intelligenz kann diese Problematik lindern, sie kann sie aber nicht lösen.“
Hanno Lorenz beim AssCompact Gewerbeversicherungssymposium 2026

Mag. Hanno Lorenz, stellvertretender Direktor Agenda Austria
Mag. Hanno Lorenz ist Keynote-Referent beim AssCompact Gewerbeversicherungssymposium 2026 am 3. März in der Pyramide Wien/Vösendorf. In seinem Vortrag „Unsicherheit als neue Normalität: Wie sich Unternehmen strategisch aufstellen sollten“ ordnet er globale Spannungen, wirtschaftliche Umbrüche und strukturelle Standortschwächen ein und zeigt auf, welche strategischen Konsequenzen sich daraus insbesondere für österreichische Unternehmen und KMUs ergeben. Im Fokus stehen Wettbewerbsfähigkeit, Produktivität, Arbeitskräftemangel, Digitalisierung sowie der steigende Bedarf an strategischer Vorsorge und Absicherung. „Die Situation ist schwierig, aber nicht aussichtslos. Wir müssen das Rad nicht neu erfinden, wir finden die Lösung für unsere Probleme im europäischen Ausland. Kein Schönreden der Realität, sondern strukturelle Verbesserungen sind nötig. Wenn die Rahmenbedingungen stimmen, dann gibt es keinen Grund, warum Österreich kein Vorzeigeland sein sollte“, ist Lorenz überzeugt.
AssCompact Gewerbeversicherungssymposium 2026

Wirtschaftliche Unsicherheit, digitale Haftungsfallen und steigende Anforderungen an die Beratung verändern das Gewerbegeschäft grundlegend – wer hier bestehen will, braucht mehr als Standardlösungen. Am 3. März 2026 zeigt das AssCompact Gewerbeversicherungssymposium in der Pyramide Wien/Vösendorf, wie Versicherungsmakler mit diesen Entwicklungen professionell umgehen können – inklusive 5 unabhängiger IDD-Weiterbildungsstunden.
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