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Künstliche Intelligenz und Cloud werden zum Treiber technologischer Innovation

(Bild: ©Looker_Studio - stock.adobe.com)

Künstliche Intelligenz und Cloud werden zum Treiber technologischer Innovation

17. Februar 2026

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8 Min. Lesezeit

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Recht & Wissen

Die Versicherungsbranche wird es im Jahr 2026 schwerer haben, ihre Gewinnziele zu halten. Künstliche Intelligenz hat das Potenzial, viele operative Probleme zu lösen. Versicherer werden deshalb verstärkt auf Cloud und Cloud-basierte KI-Lösungen setzen.

Artikel von:

Dr. Martin Seibold

Dr. Martin Seibold

Partner und Head of DACH bei Sollers Consulting

Nach einem ertragreichen Geschäftsjahr 2025 werden sich Versicherer in den kommenden zwölf Monaten in einem komplexen Umfeld bewegen, das von wirtschaftlicher Unsicherheit, anhaltender Schadeninflation und regulatorischer Kontrolle geprägt sein wird. Automatisierung in so gut wie allen Bereichen der Versicherungswertschöpfung wird daher immer wichtiger. Sollers geht in seinem Prognose-Bericht „Ein Jahr des Durchbruchs für Cloud in der Versicherung“ deshalb davon aus, dass Versicherer ihre Technologie-Investitionen ausweiten werden. Österreichische Versicherer haben bereits deutliche Fortschritte bei der Automatisierung gemacht. Jetzt beginnen sie, die Potenziale von KI zu erschließen.

Marktentwicklung in Österreich

Die österreichische Versicherungsbranche sieht sich im Jahr 2026 mit gesamtwirtschaftlicher Stagnation und moderaterem Prämienwachstum konfrontiert. Während vom Privatkundengeschäft leicht positive Impulse kommen, stehen die Preise in den Industrie-Sparten unter Druck. Nach Angaben der Finanzmarktaufsicht lagen die Wachstumsraten in der Schaden-/Unfallversicherung in den ersten drei Quartalen 2025 zwischen 4,3% und 6,9%. Allerdings ist mit einem sich abschwächenden Prämienwachstum zu rechnen. Ein Problem bleibt die Schadenseite. Die allgemeine Inflation geht zwar zurück, doch die Schadeninflation – insbesondere in der Kfz-Versicherung – bleibt hoch, vor allem getrieben von steigenden Reparaturkosten.

Globale Perspektive

Weltweit stehen Versicherer vor vergleichbaren Herausforderungen: Politische Instabilität und volatile Kapitalmärkte schaffen ein Umfeld, das von zunehmender Unsicherheit geprägt ist. Während in Nordamerika und Großbritannien weitere Zinssenkungen erwartet werden, bleiben die Zinsen im Euro-Raum nach erfolgter Reduzierung stabil auf niedrigerem Niveau. Dies wird sich negativ auf die Kapitalerträge auswirken, die im vergangenen Jahr stark angezogen haben. Auch auf der Schadenseite steigen die Herausforderungen. In vielen Märkten haben Versicherer von einer vergleichsweise geringen Belastung aus Naturkatastrophen profitiert. Doch die Schadeninflation liegt über alle Regionen weiterhin über der allgemeinen Teuerung und belastet die Profitabilität. Durch den Klimawandel gibt es eine verstärkte Nachfrage nach Naturkatastrophen-Deckungen, aber Versicherer müssen hier mit Innovation aufwarten, um schadenseitig nicht in eine problematische Situation zu geraten. Trotz des stärkeren Gegenwinds bleibt die Branche vorsichtig optimistisch.

Technologische Prioritäten:
Kernmodernisierung und Cloud

Dieser Optimismus wird vor allem von einer neuen Welle technologischer Innovation getragen. Künstliche Intelligenz (KI) und digitale Technologien werden die Versicherungswirtschaft grundlegend verändern. Nachdem Versicherer in den letzten zwei Jahren zahlreiche Pilotprojekte gestartet haben, wird man sich im Jahr 2026 auf konkrete Anwendungsfälle für KI konzentrieren. Allerdings stellen in Österreich Altsysteme bei manchen Versicherern noch ein Problem dar. Die Situation ähnelt der auf dem deutschen und dem französischen Markt. Während einige Vorreiter die Modernisierung ihrer Kernsysteme nahezu abgeschlossen haben, befindet sich ein Teil des Marktes hier noch in einem frühen Stadium.

Das Thema Künstliche Intelligenz wird deshalb im Zusammenhang mit Cloud an Bedeutung gewinnen. Die Nutzung von Cloud ist in den meisten Fällen eine Voraussetzung für den effektiven Einsatz von KI. Cloud-Anbieter verfügen über ausgereifte KI-Lösungen und entwickeln sie ständig weiter. Eigene Tools in diesem Bereich zu entwickeln, erfordert hohe Investitionen mit hohem Risiko. Cloud etabliert sich deshalb weltweit als strategische Schlüsseltechnologie, und 2026 dürfte ein Durchbruchsjahr werden. Multi-Cloud-Architekturen gewinnen an Bedeutung, da sie nicht nur Resilienz und regulatorische Compliance fördern, sondern auch beim Thema Skalierbarkeit noch mehr Möglichkeiten eröffnen. Jüngste Initiativen von Microsoft Azure und AWS werden dies weiter unterstützen. Regulatorische Anforderungen an Cloud-Implementierungen und Cloud-Anbieter bleiben bestehen und verlangen Transparenz und Compliance, doch eine abnehmende Dynamik der IT-Regulierung und das Entstehen “souveräner” europäischer Angebote könnte mehr Raum für Innovation schaffen. Es ist damit zu rechnen, dass mit wachsenden KI-Ambitionen die österreichischen Versicherer Cloud intensiver nutzen werden als bisher.

KI-Einsatz: Vom Experiment zur Wirkung

Eine Sollers-Umfrage unter 35 Schaden-/Unfallversicherern in Europa und Nordamerika „Unter der Oberfläche – KI in der Versicherung“ zeigt auf, wie Versicherer beim Thema KI den Übergang von der Experimentierphase zu praktischen Anwendungen vollziehen. Zentrale Erkenntnisse des Sollers-Reports:

  • Wirkungsbereiche: Höchste erwartete Effekte bei der Schadenbearbeitung (3,38) und Backoffice-Automatisierung (3,21).
  • Automatisierungsprioritäten: Dokumenten- und E-Mail-Datenextraktion (69%) sowie Chatbots (60%) dominieren aktuelle Implementierungen.
  • LLMs: 82% der Befragten nutzen oder implementieren bereits private Large Language Models in mindestens einem Szenario.
  • IT-Integration: KI-Plattformen und Enabler sind weit verbreitet, doch eine ganzheitliche Architektur bleibt eine Herausforderung.

Die Märkte in Österreich, der Schweiz und Deutschland spiegeln diese Trends wider, sind jedoch noch durch Altsysteme gebunden. Unternehmen mit bereits modernisierten Kernsystemen können viel schneller und grundlegender KI nutzbar einsetzen und Automatisierung vorantreiben, während andere Gefahr laufen, zurückzufallen.

Governance und organisatorische Bereitschaft

Die Sollers-Studie verdeutlicht: KI-getriebene Transformation erfordert robuste Governance-Strukturen und neue Kompetenzen. Die Mehrheit der Versicherer bevorzugt eine zentrale Steuerung für technische Bereiche wie IT, KI und Compliance, während Geschäftslogik und Kundenerfahrung eher dezentral organisiert werden. Erfolgskritisch ist oft der menschliche Faktor. Der Aufbau einer KI-Kultur, praxisorientiertes Lernen und Trainingsprogramme sind entscheidend – doch der Fachkräftemangel in den Bereichen Cloud, Daten und KI bleibt ein Engpassfaktor, insbesondere in Österreich.

Herausforderungen und Chancen

Die regulatorische Kontrolle ist in vielen europäischen Märkten hoch und fokussiert sich auf die Themen Schadenbearbeitung, Underwriting und Preistransparenz. Steigende Kundenbeschwerden zwingen Versicherer, ihr Kundenmanagement zu überdenken und in operative Fähigkeiten zu investieren. Technologie eröffnet hier Chancen: Automatisierung, prädiktive Analytik und Echtzeitdaten ermöglichen den Wandel hin zu einem besseren und schnelleren Schadenservice Es wird auf eine stärkere Personalisierung der Produkt- und Serviceangebote sowie Workflow-Optimierung und Automatisierung ankommen, um darauf lösungsorientiert zu reagieren.

Fazit: Resilienz durch Transformation

Die Versicherungsbranche in Österreich – und weltweit – steht vor einer doppelten Herausforderung: wirtschaftliche Unsicherheit und rascher technologischer Fortschritt. Erfolg wird davon abhängen, wie konsequent Kernsysteme modernisiert, Cloud und KI integriert und organisatorische Resilienz aufgebaut werden. Durch Investitionen in skalierbare Plattformen, Stärkung der Governance und Schließung von Talentlücken können Versicherer Unsicherheit in Chancen verwandeln und sich einen Wettbewerbsvorteil im digitalen Wandel sichern.

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