Private Gesundheitsvorsorge entwickelt sich zunehmend von einer freiwilligen Zusatzleistung zu einem festen Bestandteil der Gesundheitsversorgung. Hans Aubauer, Leiter Group Health Insurance bei der UNIQA Insurance Group AG, Andrea Hutter, Leiterin der Krankenversicherung der Generali Versicherung AG, und Thomas Kuchlbacher, Gruppenleiter Krankenversicherung der Wiener Städtischen Versicherung AG, erklären, warum die Nachfrage nach Krankenzusatzversicherungen steigt und weshalb private Krankenversicherer das öffentliche Gesundheitssystem zunehmend ergänzen.
Redakteur/in: Kerstin Quirchtmayr - Veröffentlicht am 21.07.2026
Steigende Lebenserwartung, demografischer Wandel und ein wachsendes Gesundheitsbewusstsein verändern die Erwartungen an die Gesundheitsversorgung. Für alle drei Experten ist die zunehmende Nachfrage nach privater Gesundheitsvorsorge Ausdruck einer langfristigen Entwicklung.
Hans Aubauer verweist auf den demografischen Wandel und den steigenden Bedarf an Prävention: „Menschen leben länger – mit 65 liegen heute statistisch noch über 20 Lebensjahre vor ihnen, was sehr erfreulich ist. Das ist nicht selbstverständlich, wie Entwicklungen in den USA oder Osteuropa zeigen. Und auch die Erwartungen sind gestiegen. Menschen im höheren Lebensalter sind aktive Mitglieder der Gesellschaft, zunehmend ein potenzieller Faktor am Arbeitsmarkt und gestalten aktiv & individuell ihre Freizeit. Doch zu oft wird das vorhandene Potenzial nicht voll ausgeschöpft. Gesunde Lebensjahre hinken der Lebenserwartung hinterher, chronische Erkrankungen belasten die Lebensqualität und Möglichkeiten der Prävention bleiben ungenutzt.“
Andrea Hutter sieht ebenfalls eine nachhaltige Veränderung der Nachfrage: „Die Generali sieht hier keinen kurzfristigen Trend, sondern eine strukturelle Verschiebung. Gesundheit ist vom ‚Nice-to-have‘ zu einem strategischen Gut geworden. Steigender Bedarf, auch aufgrund eines höheren Gesundheitsbewusstseins, trifft auf begrenzte Kapazitäten. Lange Wartezeiten von teilweise über einem Monat sind mittlerweile Alltag.“
Thomas Kuchlbacher betont den Beitrag der privaten Krankenversicherung zum österreichischen Gesundheitssystem: „Die Wahrnehmung, private Gesundheitsvorsorge sei lediglich ein ‚Nice-to-have‘, greift aus unserer Sicht heute deutlich zu kurz. Private Krankenversicherungen leisten einen wesentlichen Beitrag zum österreichischen Gesundheitssystem. Allein 2025 haben die Versicherungsunternehmen laut VVO rund 2,9 Mrd. Euro an Leistungen erbracht – ein Plus von 7,7 % gegenüber dem Vorjahr.“
Private Vorsorge als Ergänzung
Einigkeit besteht auch bei der Rolle der privaten Krankenversicherung. Sie soll das öffentliche Gesundheitssystem ergänzen und dort unterstützen, wo Kapazitätsengpässe entstehen.
Hans Aubauer verweist auf konkrete Beispiele aus der Praxis: „Derzeit fließen nur rund 4 % der heimischen Gesundheitsausgaben in Prävention, obwohl genau hier anzusetzen wäre. Dazu kommt die Demografie: Der Anteil der über 65-Jährigen steigt bis 2050 auf knapp 30 %. Und im Alltag – das hört man in vielen Gesprächen – nehmen Wartezeiten zu und Menschen sorgen sich, ausreichenden Zugang zur Gesundheitsversorgung zu erhalten.“
Für Andrea Hutter übernimmt die private Krankenversicherung eine wichtige systemstützende Funktion: „Die private Krankenversicherung ist in Österreich weniger als Profiteur von Schwächen des öffentlichen Systems zu sehen, sondern vielmehr als dessen komplementäre Partnerin, die immer stärker eine ergänzende, systemstützende Funktion übernimmt. Wir leisten einen konkreten Beitrag zur gesundheitlichen Versorgung, indem wir Behandlungen bei Wahlärzt_innen finanzieren und damit zusätzliche Kapazitäten im System schaffen.“
Thomas Kuchlbacher unterstreicht, dass es nicht um einen Ersatz der öffentlichen Versorgung geht: „Österreich verfügt nach wie vor über ein sehr gutes öffentliches Gesundheitssystem, auf das wir stolz sein können. Gleichzeitig zeigt unsere Gesundheitsstudie, dass sich viele Menschen Sorgen um die konkrete Versorgung machen. Deshalb sehen wir private Gesundheitsvorsorge klar als Ergänzung – nicht als Ersatz – des öffentlichen Systems.“
Wachsende Bedeutung der Zusatzversicherung
Die steigende Nachfrage nach privaten Gesundheitsleistungen zeigt sich nach Ansicht aller drei Experten auch an konkreten Entwicklungen im Markt.
Hans Aubauer sieht darin eine unmittelbare Reaktion auf die Versorgungssituation: „99,9 % der Menschen in Österreich sind durch das öffentliche System abgesichert, und das ist ein großer Wert, den wir erhalten müssen. Gleichzeitig stoßen wir aber an Grenzen, etwa beim Personal oder bei Terminen. Hier kommt die private Ergänzung ins Spiel, die ganz konkret wirkt.“
Andrea Hutter verweist auf den Nutzen für das gesamte Gesundheitssystem: „Insgesamt führt das zu kürzeren Wartezeiten und besseren Zugängen, da durch die Inanspruchnahme von Wahlärzt_innen und Privatspitälern mehr Termine für Kassenpatient_innen frei werden. Die private Gesundheitsvorsorge trägt somit wesentlich dazu bei, das Gesamtsystem zu entlasten und zu stabilisieren.“
Thomas Kuchlbacher beobachtet insbesondere bei jungen Menschen ein wachsendes Interesse: „Bereits jede:r dritte Neukund:in in der privaten Krankenversicherung der Wiener Städtischen ist jünger als 20 Jahre. Das zeigt, wie stark das Bewusstsein für Vorsorge – gerade auch in Familien – gestiegen ist.“
Im zweiten Teil der Interviewserie erläutern Hans Aubauer, Andrea Hutter und Thomas Kuchlbacher, wie Versicherer auf steigende Gesundheitskosten reagieren, welche Rolle medizinische Inflation für die Produktentwicklung spielt und warum Telemedizin sowie digitale Gesundheitsservices künftig weiter an Bedeutung gewinnen.
zurück zur Übersicht
Beitrag speichern
sharing is caring
Das könnte Sie auch interessieren












