Die wirtschaftliche Lage in Österreich bleibt angespannt. Mag. Gerhard M. Weinhofer, Mitglied der Geschäftsleitung von Creditreform, ordnet die aktuellen Entwicklungen ein und spricht über strukturelle Herausforderungen, steigende Insolvenzen und die Rolle von Risikomanagement.
Redakteur/in: Kerstin Quirchtmayr - Veröffentlicht am 30.03.2026
Die aktuelle wirtschaftliche Situation wird von vielen Unternehmen als dauerhafte Belastung wahrgenommen. Dabei geht es nicht nur um kurzfristige Schwankungen, sondern um tiefgreifende Veränderungen im Umfeld. „Die österreichischen Unternehmen sind einerseits wie alle europäischen Unternehmen seit der Pandemie von Polykrisen betroffen sowie von den Megatrends Digitalisierung, Automatisierung und KI. Hier findet eine wirtschaftliche Zeitenwende statt. Andererseits leiden die heimischen Firmen unter hausgemachten Problemen wie Inflation, hohen Lohnstückkosten, Bürokratisierung und einem wenig effizienten Staat. Selbst ein zarter Konjunkturaufschwung von plus/minus 1% wird die strukturell notwendigen Anpassungen nicht obsolet machen“, erklärt Weinhofer.
Branchen unter Druck – erste Stabilisierungstendenzen
Die Belastung zeigt sich nicht in allen Bereichen gleichermaßen. Während einzelne Branchen besonders stark betroffen sind, gibt es erste Hinweise auf eine Stabilisierung in anderen Sektoren. „Besonders unter Druck stehen die Immobilienwirtschaft und der Handel. Eigentum ist kaum leistbar und der Binnenkonsum ist massiv gedämpft durch die allgemeine Verunsicherung. Industrie und Bau dürften hingegen die Talsohle überwunden haben“, so Weinhofer.
Insolvenzen: Breitere Betroffenheit im Mittelstand
Der Anstieg der Insolvenzen ist kein isoliertes Phänomen, sondern Ergebnis mehrerer gleichzeitig wirkender Faktoren. Neben Kosten und Nachfrage spielen auch strukturelle Rahmenbedingungen eine Rolle. „Alle diese genannten Themen sind Problemfelder und Herausforderungen. Vor allem die allgemeine Konjunktur mit sinkender Nachfrage, hohen Volatilitäten (siehe Trump) und den schlicht schlechter werdenden Standortbedingungen fordern die Unternehmen immer mehr“, führt Weinhofer aus.
Eine qualitative Verschiebung sei laut Weinhofer ebenfalls erkennbar: „Nach SIGNA und KTM gab es keine weiteren Megainsolvenzen. Wir beobachten eine zunehmende Zahl an ‚klassischen‘ mittelständischen und kleinen Unternehmen, denen die Luft ausgeht.“
Uneinheitliche Entwicklung bei Insolvenzverfahren
Die Entwicklung bei Insolvenzen verläuft derzeit nicht einheitlich. Während sich einzelne Kennzahlen stabilisieren, verschärft sich die Situation in anderen Bereichen. „Der Trend ist zweigeteilt: Während die Zahl der eröffneten Insolvenzverfahren seit Oktober rückläufig ist, steigt die Zahl der vermögenslosen Insolvenzen, bei denen nicht einmal so viel Kapital vorhanden ist, um ein ordentliches gerichtliches Insolvenzverfahren einzuleiten. Dort erleiden die – unbesicherten – Gläubiger einen Totalausfall“, erklärt Weinhofer.
Externe Risiken und strukturelle Herausforderungen
Neben der Binnenentwicklung beeinflussen externe Faktoren die wirtschaftliche Lage zunehmend. Geopolitische Unsicherheiten und politische Rahmenbedingungen bleiben dabei zentrale Einflussgrößen. „Die Zinsentwicklung sehe ich im Moment als stabil an. Bei den Industrieenergiepreisen hat die Bundesregierung ein Maßnahmenpaket auf den Weg gebracht. Spannend ist, was sich im Westen (Trump) und im Osten (Ukraine) tut und ob es zu einem Krieg am Persischen Golf kommt. Und die österreichische Bundesregierung sollte endlich den Mut haben, die dringenden – großen! – Reformen in Angriff zu nehmen“, so Weinhofer.
Anpassungsdruck durch Technologie und Kostenentwicklung
Ein Teil der Entlastung könnte aus sinkender Inflation und moderater Kostenentwicklung kommen. Gleichzeitig steigt der Anpassungsdruck durch technologische Veränderungen. „Entspannung sehe ich bei der Inflation und bei den Kosten, wenn wir die nächsten Jahre weiterhin moderate Gehaltsabschlüsse haben. Bei KI und den damit verbundenen Verwerfungen ist Realismus angesagt. Das wird nicht wieder verschwinden. Unternehmen haben daher alle ihre Prozesse dahingehend anzupassen“, erklärt Weinhofer.
Risikomanagement rückt stärker in den Fokus
In einem volatilen Umfeld gewinnen Instrumente zur Risikosteuerung an Bedeutung. Dazu zählen auch Versicherungen und Bonitätsanalysen. „In volatilen Zeiten braucht man ein Auffangnetz und das kann jede Form der Versicherung bieten: von der Cyberversicherung bis zur Warenkreditversicherung. Vor allem die finanziellen Risiken sollte man verstärkt im Fokus haben und da hilft sicher der Blick auf die Bonität der Kunden und die Versicherung der Ausfälle“, sagt Weinhofer un führt weiter aus: „Diese Instrumente des Risikomanagements dienen der Sensibilisierung, der Prophylaxe und haben das Ziel der Liquiditätssicherung. Wenn vieles im Umbruch ist und nichts mehr so ist, wie es früher schien, dann darf man den Blick nicht von den Kennzahlen sowohl des eigenen Unternehmens als auch von jenen der Geschäftspartner lassen.“
Widerstandsfähigkeit als Ausgangspunkt
Trotz der aktuellen Herausforderungen sieht Weinhofer auch strukturelle Stärken in der österreichischen Unternehmenslandschaft: „Wir haben in den letzten drei Jahrzehnten das Platzen der Dotcom-Blase, die Finanz- und Eurokrise und die Covid-19-Pandemie er- und auch überlebt. Die heimischen Unternehmen verfügen nach wie vor über eine gesunde Eigenkapitalausstattung, qualifizierte Mitarbeiter und innovative Produkte. Ich bin zuversichtlich, dass wir die Herausforderungen meistern und auch neue Absatzmärkte (Stichwort: Mercosur, Indien) finden können.“
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Foto oben: Mag. Gerhard M. Weinhofer, Mitglied der Geschäftsleitung von Creditreform
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