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Wie ChatGPT & Co. den Versicherungsvertrieb neu ordnen

(Bild: © Mediaparts - stock.adobe.com)

Wie ChatGPT & Co. den Versicherungsvertrieb neu ordnen

02. Juni 2026

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7 Min. Lesezeit

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Im Blickpunkt

Wenn ein KI-Chatbot nicht nur Auskunft gibt, sondern einen Versicherungsvertrag vermittelt, hat sich die Branchenlogik wohl fundamental verschoben. Genau dies ist seit Anfang 2026 Realität: OpenAI hat erstmals externe Versicherungsanwendungen in ChatGPT zugelassen und eine Debatte ausgelöst, die weit über technologischen Fortschritt hinausgeht. Es geht darum, wer künftig den Zugang zum Kunden kontrolliert und damit die Wertschöpfung im Versicherungsvertrieb bestimmt.

Artikel von:

Dr. Thomas Zwack

Dr. Thomas Zwack

Partner bei Advyce & Company

Die Reaktion der Kapitalmärkte war zunächst eindeutig: Große Maklerunternehmen wie Marsh, Aon und Willis Towers Watson verloren zwischenzeitlich bis zu 15% ihres Börsenwerts, auch traditionelle Versicherer gerieten vorübergehend unter Druck. Diese Marktreaktion spiegelt eine strukturelle Unsicherheit wider, die nun eine neue Qualität erhalten hat.

Durchbruch im Februar 2026

Im Februar 2026 vollzog OpenAI einen bemerkenswerten Schritt: Mit der Freigabe einer Versicherungs-App wurde ChatGPT erstmals zum direkten Vertriebskanal. Pioniere sind Tuio, ein spanischer Digitalversicherer, sowie die US-Plattform Insurify im Kfz-Segment. Die technische Infrastruktur liefert das Unternehmen WaniWani mit Echtzeit-Schnittstellen zwischen Versicherern und KI-Plattformen.

Bereits ein Drittel der erwachsenen US-Bevölkerung nutzt ChatGPT für Finanzfragen: eine Nutzerbasis, die klassische Vergleichsportale, wie etwa CHECK24, jahrelang mühsam aufgebaut haben. Was als Pilotprojekt mit zwei Anbietern begann, entwickelt sich nun stetig fort. Rund ein Dutzend weiterer Versicherungsanwendungen befindet sich im Genehmigungsprozess bei OpenAI. Google Gemini und Anthropics Claude arbeiten an vergleichbaren Standards für Drittanbieter-Apps.

Es ist davon auszugehen, dass ChatGPT keine Ambitionen verfolgt, selbst Versicherer zu werden. Aber durch die Bereitstellung eines leistungsstarken Interfaces zwischen Kunde und Anbieter kann die Plattform die Distributionsmacht grundlegend verschieben. Wer in KI-Ökosystemen sichtbar ist, kontrolliert den Kundenzugang und damit in letzter Instanz auch die Marktrelevanz.

Regulatorische Rahmenbedingungen: IDD, DSGVO

Für den europäischen Markt stellt sich nicht die Frage ob, sondern wann KI-Plattformen in den Versicherungsvertrieb eintreten. Die Insurance Distribution Directive (IDD), eine EU-Richtlinie (2016/97/EU), die seit dem 1. Oktober 2018 in den Mitgliedstaaten gilt, ist dabei eine erste Hürde. Sobald ein KI-System konkrete Produktempfehlungen ausspricht, kann dies als regulierungspflichtige Versicherungsberatung qualifiziert werden. ChatGPT ist jedoch kein registrierter Vermittler und die Haftungsfrage bei fehlerbehafteten Empfehlungen damit ungeklärt. GDV-Chef Jörg Asmussen sieht kein grundsätzliches Hindernis, sofern ausschließlich regulierte Anbieter dahinterstehen. Wahrscheinlicher ist, dass OpenAI in Deutschland primär als technologischer Infrastrukturanbieter auftritt und Haftungsrisiken an integrierte Makler- und Vergleichsplattformen weitergibt.

Die DSGVO ist das zweite strukturelle Hindernis. Bei der Angebotserstellung über einen KI-Agenten werden üblicherweise personenbezogene Daten wie Adresse, Wohnfläche und Fahrzeugdaten erfasst und dann auf den Servern eines US-Unternehmens gespeichert. Es dürfte kaum datenschutzkonform sein, wenn diese Angaben bei einem Anbieter mit Sitz außerhalb der EU landen. Noch problematischer wird dies, wenn man Gesundheitsdaten übermitteln müsste.

Erstversicherer: Plattformsichtbarkeit als neue Pflicht

Eine Disruption des Versicherungsgeschäfts ist augenblicklich noch nicht absehbar. Risikoübernahme, Kapitalanlage und Schadenregulierung werden weiterhin in den Händen der Versicherer bleiben. Was sich aber perspektivisch verändert, ist die Sichtbarkeit. KI-Plattformen entscheiden durch ein möglicherweise wenig transparentes Ranking und Empfehlungslogik, welche Anbieter Kunden überhaupt wahrnehmen werden. Der klassische Wettbewerb kann durch einen Plattformwettbewerb ersetzt werden. Technisch bietet der Branchenstandard BiPRO aber eine gute Ausgangsbasis. Die Aufgabe für Versicherer könnte lauten, diese Schnittstellen KI-kompatibel auszugestalten und aktiv in Plattformpartnerschaften zu investieren.

Makler und Vermittler: Differenzierung statt Verdrängung

Die Debatte über das Ende des Maklerberufs ist nicht neu und erweist sich bislang als übertrieben. Gerade für komplexe und beratungsintensive Bereiche wie BU, Leben oder Gewerbe sind Makler immer noch die richtigen Ansprechpartner. Es gilt aber auch, dass Standardprodukte wie Hausrat und Kfz zunehmend automatisiert vermittelt werden. Makler, die ihr Geschäft auf Standardsegmente konzentriert haben, müssen deshalb wohl umdenken. Eine Spezialisierung auf beratungsintensivere Produkte und aktiver KI-Einsatz als Produktivitätswerkzeug könnte eine strategische Antwort auf diese neue Situation sein.

Drei Szenarien für 2027–2032

Kontrollierte Integration: KI-Plattformen treten unter regulatorischen Auflagen in den Markt ein und kooperieren mit lokalen Aggregatoren und Maklerpools. Das Ergebnis wäre dann eine hybride Vertriebsstruktur in der Versicherungswirtschaft. KI ist eine vorgelagerte Schicht innerhalb der „Kundenreise“, klassische Vermittler und Makler vermitteln aber am Ende das Geschäft.

  • Plattformkonzentration: Würden sich OpenAI oder andere KI-Plattformen für einen Eintritt als vollständig regulierter Vermittler in Deutschland entscheiden, übernehmen schrittweise zwei bis drei globale Plattformen große Teile des Versicherungsvertriebs im Privatkundengeschäft. Versicherungsunternehmen bleiben weiterhin Risikoträger, werden dann aber zu austauschbaren Produktlieferanten.
  • Agentic Insurance: KI-Agenten übernehmen die Versicherungsverwaltung von Privatkunden. Diese Agenten analysieren das individuelle Vertragsportfolio, erkennen Deckungslücken und führen Abschlüsse (nach Bestätigung durch den Versicherungsnehmer) selbständig durch. Versicherungen werden nicht mehr aktiv gekauft, sondern passiv verwaltet. Erste Prototypen dieser „Agent-to-Agent-Distribution“ sind bereits in Erprobung.

Ausblick – Handlungsdruck wächst

Die KI-gestützte Versicherungsdistribution verändert nicht das Versicherungsprodukt, sondern den Zugang dazu. KI-Plattformen werden sich wohl als weitere Schnittstelle zum Kunden qualifizieren und damit die Distributionsmacht stärken. Für Versicherer werden nun Plattformsichtbarkeit und KI-kompatible Schnittstellen eine strategische Pflicht. Makler sollten sich auf beratungsintensivere Segmente spezialisieren und den Einsatz von KI-Werkzeugen für ihren eigenen Vertrieb forcieren. Die Technologie verändert den Vertrieb! Nur wer diesen Wandel aktiv gestaltet, sichert sich weiterhin den direkten Kundenzugang.

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