Trendtag Top-Thema: Wie sich Inflation & Co. auf die Versicherungsbranche auswirken

Trendtag Top-Thema: Wie sich Inflation & Co. auf die Versicherungsbranche auswirken

03. August 2022

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7 Min. Lesezeit

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News-Im Blickpunkt

Dr. Thomas Url, Ökonom am Österreichischen Institut für Wirtschaftsforschung, befasst sich seit fast drei Jahrzehnten mit Makroökonomie und europäischer Wirtschaftspolitik. Im Interview sowie bei den AssCompact Trendtagen 2022 spricht er über die steigende Inflationsrate in Österreich, wie sie sich weiterentwickeln wird und welche Auswirkungen die aktuell wirtschaftlich schwierige Situation auf die Versicherungswirtschaft hat.

Kerstin Quirchtmayr

Redakteur/in: Kerstin Quirchtmayr - Veröffentlicht am 8/3/2022

Mehr Informationen zu den AssCompact Trendtagen 2022 sowie den Anmeldungsmöglichkeiten erhalten Sie hier ...

Dr. Thomas Url rechnet im Frühjahr 2023 mit einem Plafond für die Inflationsrate. Er begründet diese Einschätzung damit, dass der große Preisschub für Gas und Erdöl Anfang März 2022 war, und die Inflationsrate im Jahresvergleich gemessen wird. „ Das heißt, ab März 2023 wird das Vergleichsmonat aus dem Jahr 2022 bereits hohe Energiepreise enthalten und dadurch werden nachher niedrigere Inflationsraten gemessen werden. Dennoch erwartet das WIFO auch 2023 eine durchschnittliche Inflationsrate von 5,3%, weil höhere Vorleistungspreise und Lohnabschlüsse erst langsam an die Kunden weitergegeben werden.“

Die Veranlagung auf einem Sparbuch bringe auf absehbare Zeit einen realen Verlust, so der Wirtschaftswissenschafter und erklärt: „Die Europäische Zentralbank wird zwar im Juli auf einen restriktiven Kurs mit laufenden Zinsanhebungen umschwenken und sie hat bereits ihr Anleihe-Ankaufsprogramm beendet, trotzdem werden die angebotenen Zinssätze auf Spareinlagen (derzeit zwischen 0,1% und 0,9% je nach Laufzeit) erst gegen Jahresende 2022 zu steigen beginnen und weil die Inflationsrate mit rund 9% deutlich über den erwarteten Einlagenzinssätzen liegt, verliert das Ersparte weiterhin an Kaufkraft.“ Der Umstieg auf risikoreiche Veranlagungen ermögliche im Durchschnitt höhere Erträge, ist sich Url sicher. „Allerdings sind die Märkte derzeit sehr nervös, und es ist nicht klar, ob die Rezessionserwartungen schon vollständig in den Marktpreisen abgebildet sind.“

Auswirkungen auf die Versicherungswirtschaft

Die hohe Inflationsrate hat auch Auswirkungen auf die Versicherungswirtschaft, so Url: „Hohe Inflationsraten steigern – wegen der üblichen Indexierungsregeln – im Bestand die Prämieneinnahmen; gleichzeitig erhöhen sich aber auch die Reparaturkosten für gedeckte Schäden, sodass das versicherungstechnische Geschäft auf der Ertragsseite positiv, aber auf der Leistungsseite negativ betroffen ist. Beide Auswirkungen werden erst mit Verzögerung voll wirksam werden, weil Prämienanpassungen üblicherweise mit dem Datum der Vertragserneuerung stattfinden und die Reparaturkosten ebenfalls langsam zunehmen“, erklärt Url.

In der Lebensversicherung sollten die Zinseinnahmen für festverzinsliche Wertpapiere wieder anziehen, sodass hier zumindest nominell eine Entspannung zu erwarten sei, prognostiziert Url und analysiert weiter: „Das Neugeschäft könnte einen Dämpfer erleiden, weil die Preissteigerungen derzeit auf Energie und Lebensmittel konzentriert sind und diese Gütergruppen nur geringe Ausweichreaktionen zulassen. Andererseits korrigieren höhere Lohnabschlüsse teilweise den Reallohnverlust.“

Kurzfristig wird das Neugeschäft leiden

Url denkt, dass die Kundinnen und Kunden die steigenden Nahrungs- und Energiepreise durch geringere Nachfrage an Vorsorge- und Versicherungsprodukten kompensieren – aber nur kurzfristig: „Diese beiden Gütergruppen haben eine geringe Preiselastizität, d.h. Konsumenten reagieren auf steigende Preise nur unterproportional. Das hat damit zu tun, dass diese Gütergruppen lebensnotwendig sind, aber auch damit, dass die Energienachfrage sehr stark von bestehenden Anlagen abhängt. Z. B. kann in einem Einfamilienhaus die Heizungsanlage zwar von Gas oder Erdöl auf erneuerbare Energien umgestellt werden, aber das erfordert Investitionen, braucht Zeit und wird nur dann stattfinden, wenn der Preisunterschied ausreichend groß und dauerhaft ist. Bis zur Inbetriebnahme einer neuen Heizungsanlage, muss weiterhin die teure Energieart eingesetzt werden, sodass für andere Ausgaben das Geld fehlt. In Wohnungen ist die Umrüstung manchmal gar nicht möglich, weil das gesamte Haus gleichzeitig investieren müsste und die Eigentümergemeinschaft sich nicht einigen kann. Das Neugeschäft wird daher kurzfristig leiden; mittel- und langfristig werden durch Lohnerhöhungen und nach Abschluss der Umrüstungen wieder ausreichend Mittel zur Verfügung stehen.“

Vor allem im Bereich der Vorsorgeprodukte sieht Url gute Voraussetzungen für das Neugeschäft und begründet dies damit, dass die Privathaushalte pandemiebedingt auf beträchtlichen Geldbeständen sitzen und deren Wert durch die hohe Inflation aufgefressen wird.

Keynote von Dr. Thomas Url bei den AssCompact Trendtagen 2022

Dr. Thomas Url referiert bei den AssCompact Trendtagen 2022 am 6. Oktober zum Thema „Auswirkungen der hohen Inflation auf die Versicherungsnachfrage“ in der Pyramide Wien/Vösendorf. Dabei wird der Experte aktuelle Prognoseergebnisse des WIFO vorstellen und auch die erwarteten Auswirkungen der wirtschafts- und sozialpolitischen Maßnahmen beschreiben.

Der Vortrag ist powered by (in alphabetischer Reihenfolge):
  • ARAG SE Direktion für Österreich
  • Chubb European Group SE
  • HDI Versicherung AG
  • Garanta Österreich Versicherungs-AG
  • NÜRNBERGER Versicherung AG Österreich
  • VAV Versicherungs-AG
Sichern Sie sich bereits jetzt Ihre kostenlosen Trendtagtickets für den 5. und 6. Oktober!

Die Anmeldung zu den AssCompact Trendtagen ist kostenfrei. Durch das an den beiden Veranstaltungstagen heuer unterschiedliche Vortragsprogramm ist Ihre Teilnahme an beiden Tagen auf jeden Fall sinnvoll. Wenn Sie dieses Angebot nützen möchten, melden Sie sich dazu an beiden Tagen gesondert an!

Nutzen Sie die Möglichkeit, bei den AssCompact Trendtagen auch Ihre Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter mitzunehmen – diese können beim Branchentreff des Jahres einen Großteil ihrer Weiterbildungsverpflichtung absolvieren!

Den gesamten Beitrag lesen Sie in der AssCompact August-Ausgabe!

Foto oben: Dr. Thomas Url, Ökonom am Österreichischen Institut für Wirtschaftsforschung (seit 1994) mit Forschungsschwerpunkt auf den Gebieten Geldpolitik, Versicherungswirtschaft sowie betriebliche und private Altersvorsorge
Titelbild: © SERSOLL - stock.adobe.com

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