Die Diskussion über Gleichstellung in der Versicherungswirtschaft bewegt sich häufig zwischen formaler Erfüllung von Vorgaben und der Frage nach tatsächlicher Chancengleichheit in Karriereverläufen. Während Frauen in vielen Unternehmen einen erheblichen Teil der Belegschaft stellen und im Bildungsbereich teils höhere Abschlüsse vorweisen als Männer, zeigt sich in Führungsfunktionen weiterhin ein deutliches Ungleichgewicht. Anlässlich des gestrigen Weltfrauentages ordnet Kommunikationsexpertin Gabriele Strodl-Sollak diese Entwicklungen ein und beschreibt sowohl strukturelle Rahmenbedingungen als auch individuelle Einflussfaktoren.
Redakteur/in: Kerstin Quirchtmayr - Veröffentlicht am 09.03.2026

Gabriele Strodl-Sollak
Ob Gleichstellung erreicht ist, entscheidet sich nicht an Leitbildern oder Einzelinitiativen, sondern an Strukturen und Ergebnissen. Gerade in hierarchisch geprägten Organisationen wie Versicherungsunternehmen zeigt sich, wie durchlässig Karrierepfade tatsächlich sind – und wo sie faktisch enden. Dabei geht es sowohl um Zahlen und Funktionen als auch um informelle Spielregeln, Wahrnehmungsmuster und kommunikative Wirkung.
„Beginnen wir bei den Fakten: In Österreich verfügen seit Jahren mehr Frauen als Männer über einen Hochschul- oder Akademieabschluss. 2024 waren es 23,5% Frauen gegenüber 18,5% Männern in der Altersgruppe 25 bis 64. Das Fundament ist also gelegt. In vielen Versicherungsunternehmen zeigt sich: Mit jeder Hierarchiestufe nach oben sinkt der Frauenanteil deutlich“, erläutert Gabriele Strodl-Sollak. „Der Frauenanteil liegt bei 59% in Nicht-Führungspositionen, sinkt aber auf 23% in der obersten Führungsebene – ein Verlust von 36 Prozentpunkten. Das ist kein kleiner Riss, das ist ein struktureller Bruch.“
Für Strodl-Sollak ist entscheidend, Gleichstellung nicht über Absichtserklärungen zu definieren, sondern über messbare Kriterien. „Gleichstellung erkenne ich deshalb nicht an Absichtserklärungen, sondern an drei harten Kennzahlen: Wie ausgewogen sind Führungspositionen besetzt? Wie fair verteilt sind Teilzeit, Elternteilzeit und Verantwortung zwischen Frauen und Männern? Und: Spiegelt sich Verantwortung auch im Gehalt wider?“, so Strodl-Sollak. „Gleichberechtigung ist erreicht, wenn die Pipeline nicht mehr leckt – und Talent nicht unterwegs versickert.“
Kein Nebenthema in wirtschaftlich angespannten Zeiten
Die Versicherungsbranche steht unter Druck – von Schadeninflation über Fachkräftemangel bis hin zu Klimarisiken und Cyber-Bedrohungen. „Natürlich brennt es an vielen Stellen: Schadeninflation, Fachkräftemangel, Klimarisiken, Cyber-Security. Aber genau deshalb können wir es uns nicht leisten, auf halber Strecke mit angezogener Handbremse zu fahren“, betont Strodl-Sollak. „McKinsey zeigt 2024: Unternehmen mit divers besetzten Führungsteams haben eine über 60% höhere Wahrscheinlichkeit, überdurchschnittlich profitabel zu sein. Und dieser Effekt hat sich seit 2020 sogar verstärkt.“
Die wirtschaftliche Argumentation sei aus ihrer Sicht eindeutig. „Warum? Weil Vielfalt wie ein gutes Risikomodell wirkt: mehr Perspektiven, bessere Entscheidungen, weniger blinde Flecken. Gleichstellung ist daher kein gesellschaftliches Feigenblatt, sondern ein wirtschaftlicher Hebel – gerade in einer Branche, die von klugen Bewertungen und tragfähigen Entscheidungen lebt“, führt Strodl-Sollak aus.
Kommunikation als individueller Hebel
Neben strukturellen Rahmenbedingungen sieht Strodl-Sollak auch individuelle Faktoren, die Einfluss auf Wahrnehmung und Karriereentwicklung haben können. Dazu zählt insbesondere die Art, wie Anliegen formuliert und Positionen vertreten werden. „Im beruflichen Alltag gewinnt nicht automatisch die beste Idee – sondern jene, die als tragfähig wahrgenommen wird. Statussprache beschreibt genau dieses Zusammenspiel aus Wortwahl, Körpersprache, Präsenz und Tempo“, erklärt Strodl-Sollak. „Wir kennen das aus der Schule: dieselbe Klasse, völlig anderes Verhalten – je nach Lehrperson. Nicht das Fach hat den Unterschied gemacht, sondern die Wirkung der Person.“
Aus ihrer Sicht geht es dabei nicht um Dominanz, sondern um Wahrnehmung von Kompetenz und Verantwortung. „Ziel ist nicht, alle zu dominieren, sondern so zu kommunizieren, dass das eigene Potenzial gesehen wird, ohne laut oder anstrengend zu wirken“, so Strodl-Sollak. „Fachlich sind die meisten Teilnehmerinnen exzellent. Was oft fehlt, ist nicht Kompetenz, sondern Durchsetzungskraft mit Wirkung: Wie bringe ich Anliegen auf den Punkt? Wie gewinne ich Zustimmung? Wie positioniere ich mich klar und übernehme Verantwortung?“
Wirkung in Meetings und Entscheidungsrunden
Ein wiederkehrendes Muster sieht Strodl-Sollak in Besprechungssituationen. Dort gehe es nicht nur um Inhalte, sondern um Wahrnehmung und Statussignale. „Typisch sind Meetings. Dort gilt oft: Wer viel spricht, gilt als wichtig. Ein hoher Wortanteil signalisiert Status – unabhängig davon, ob der Inhalt auch kürzer ginge. Nicht alle Frauen – aber viele – folgen einer anderen Logik: Sie sprechen zu selten, erst wenn es wirklich relevant ist. Das wird aber in statusgeprägten Runden oft falsch gelesen“, erläutert Strodl-Sollak. „Aus der Perspektive von Hochstatusspielern entsteht dann schnell der falsche Eindruck: ‚Offenbar hat sie nichts zu sagen, sonst würde sie ja etwas sagen.‘ Genau hier setzen wir an.“
Ihr Ansatz ziele darauf ab, zwischen unterschiedlichen Kommunikationsmustern situativ wechseln zu können. „Es geht nicht darum, die eigene Haltung aufzugeben, sondern situationsgerecht die Sprache zu wechseln, um besser verstanden zu werden. Wer das beherrscht, erhöht seine Wirkung und trägt zu besseren Ergebnissen bei. Wer beim Meeting teilnimmt, hat ja eine spezifische Perspektive und die muss im Sinne des großen Ganzen eingebracht werden“, so Strodl-Sollak.
„Boost your Communication, Sister!“ – die dreiteilige Online-Workshopserie
Die beschriebenen Kommunikationsmechanismen sind auch Gegenstand einer Workshopreihe, die Gabriele Strodl-Sollak für Frauen in der Versicherungswirtschaft anbietet – in Administration, Kundenbetreuung, Innendienst, Außendienst oder in Führungsfunktionen – und darauf abzielt, Wirkung, Klarheit und Selbstsicherheit in der Kommunikation zu stärken.
Die Workshops finden am 6., 7. und 12. Mai 2026 jeweils von 11:00 bis 12:30 Uhr statt:
- Im ersten Modul „Status wirkt“ geht es um souveränes Auftreten mit Sprache, Haltung und Wirkung.
- Das zweite Modul „Freundlich durchsetzen“ behandelt klare Kommunikation ohne Eskalation, aber mit Ergebnisorientierung.
- Das dritte Modul „Vernetzt statt übersehen“ widmet sich strategischer Sichtbarkeit und bereichsübergreifender Wirksamkeit.
Zur Person
Gabriele Strodl-Sollak, MA ist Kommunikations- und Leadership-Expertin, Executive Coach sowie Universitätslektorin. Sie arbeitet seit vielen Jahren mit Fach- und Führungskräften, unter anderem in der Versicherungswirtschaft, und beschäftigt sich mit Fragen von Auftritt, Wirkung und strategischer Positionierung.
Mehr unter: www.sollak.at
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