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„Jedes Unternehmen braucht eine Haltung zum Klimawandel“
28. Januar 2020

„Jedes Unternehmen braucht eine Haltung zum Klimawandel“

Wohin uns die Digitalisierung führt und was sie mit dem Klimawandel zu tun hat, lesen Sie im zweiten Teil des Interviews* mit Univ.-Prof. Dr. Reinhold Popp, Zukunftsforscher an der Sigmund Freud Privatuniversität in Wien und Nick Sohnemann, MBA, Gründer & Managing Director der FUTURE CANDY GMBH.


Was denken Sie, nutzen bekannte heimische Großunternehmen den digitalen Wandel und neue Technologien bereits ausreichend bzw. in welchen Bereichen sehen Sie das größte Entwicklungspotenzial?

Reinhold Popp: Laut dem „Europe‘s Digital Progress Report“ der EU liegt die Nutzung digitaler Technologien in Österreichs Unternehmen insgesamt betrachtet signifikant über dem EU-Durchschnitt. Erwartungsgemäß ist dabei der industrielle Sektor weiter fortgeschritten als die sehr vielfältige Dienstleistungswirtschaft. Und in den hierzulande dominierenden kleinen und mittelgroßen Unternehmen (KMU) ist das Entwicklungspotenzial stärker ausgeprägt als in den Großbetrieben. Der Status quo der Digitalisierung ist also zwar keineswegs besorgniserregend, es gibt aber durchaus noch viel Luft nach oben.

Die Dynamik der Digitalisierung wird freilich weniger durch den Mangel an Geld, sondern vor allem durch mentale Hürden gebremst. Denn manche Arbeitgeber und viele Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer betrachten eine dynamische Digitalisierung mit einer gewissen Skepsis. Vielfach besteht die Angst, dass zukünftig nicht mehr die Bedürfnisse der Menschen, sondern die rationale Logik der Maschinen im Mittelpunkt stehen werden. Diese Zukunftsängste lassen sich nur dann reduzieren, wenn eine unverzichtbare und sinnvolle Digitalisierungsoffensive mit einer Humanisierungsoffensive verbunden wird.

Nick Sohnemann: Es kommt etwas darauf an, wo man genau hinschaut. Der digitale Reifegrad unterscheidet sich stark von Unternehmen zu Unternehmen – genauso wie die Wandlungsbereitschaft. Auch ist der Wettbewerbsdruck in einigen Branchen höher als in anderen. Ich beobachte, dass folgende Branchen relativ weit vorne sind:

  • Mobilität
  • Einzelhandel
  • Telekommunikation
  • Medien
  • Pharma

Diese Branchen waren schon immer eng mit technologischen Entwicklungen verbunden und haben auch aus sich heraus neue Technologien entwickelt. Denn Unternehmen in diesen Bereichen haben Unternehmen häufig eine eigene F&E-Abteilung und meist zusätzlich einen CDO. Allgemein herrscht dort eine größere Offenheit für Innovationen und es ist ein Wunsch vorhanden, immer innovativ zu sein. Am Anfang stehen:

  • Banken
  • Versicherungen
  • Logistik
  • Bau-Branche

Diese Unternehmen sind von großer Trägheit gegenüber Innovationen geprägt. Häufig war hier bislang keine Notwendigkeit vorhanden, neue Ideen umzusetzen und sich weiterzuentwickeln. Erst durch Start-ups und verändertes Kundenverhalten erhöhte sich der Druck, etwas an der Unternehmensstruktur und den angebotenen Produkten zu verändern. Gerade im Banken- und Versicherungsbereich gibt es gesetzliche Regulierungen, die ein innovatives Verhalten erschweren.

Welche gesellschaftlichen Herausforderungen der Digitalisierung in Zusammenhang mit dem Thema Nachhaltigkeit sind für Sie zu erkennen?

Reinhold Popp: Im alltäglichen Sprachgebrauch wird der Begriff „Nachhaltigkeit“ meist auf die ökologische Dimension reduziert. Echte Nachhaltigkeit bezieht sich jedoch auf die kluge Balance von ökologischer, ökonomischer und sozialer Zukunftsfähigkeit. In diesem weiten Spektrum der zukunftsfähigen Entwicklung spielen digitalisierte Maschinen und Systeme eine unverzichtbare Rolle als nützliche Werkzeuge des Menschen. Aber diese digitalisierten Werkzeuge können die Bemühungen der Menschen nicht ersetzen, sondern nur sinnvoll ergänzen. 

Nick Sohnemann: Ich sehe hier zwei sich konkurrierende Narrative:

Narrative Eins: Wir als Konsumenten sind selbstverantwortlich für den Wandel. Wenn wir nicht anfangen andere Produkte zu kaufen und unsere Gewohnheiten zu ändern, dann wir sich wenig ändern. Narrative Zwei: Das Klimaschutzgesetz. Die Politik muss großräumig eingreifen, da die Bevölkerung und die Wirtschaft von allein nichts ändern werden.

Ich tendiere zu dieser Narrative Zwei. Aktuell gibt es bereits nachhaltige Produkte wie etwa vegetarische und vegane Fleischalternativen oder erneuerbare Energien. Hier kann auch die Digitalisierung unterstützend unter die Arme greifen. Mit vernetzten Heizungsgeräten und Lampen kann man den Strom- und Wärmeverbrauch in Wohn- und Geschäftsräumen reduzieren. Auch die bereits angesprochene Smart City ermöglicht es durch Vernetzung, Autos auf optimierten Wegen mit regulierter Geschwindigkeit zu navigieren. So werden auch Emissionen eingespart. Jedes Unternehmen braucht eine Haltung zum Klimawandel.

*gekürzt; das gesamte Interview erscheint in der AssCompact Februar-Ausgabe.





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