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Thomas Url: „Der Gegenwartsbezug verhindert oft rechtzeitige Vorsorge“

(Bild: ©Coloures-Pic - stock.adobe.com)

Thomas Url: „Der Gegenwartsbezug verhindert oft rechtzeitige Vorsorge“

02. September 2026

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6 Min. Lesezeit

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Im Blickpunkt

Viele Menschen wissen, dass sie im Ruhestand mit finanziellen Einschränkungen rechnen müssen – konkrete Vorsorgeschritte werden dennoch häufig aufgeschoben. Dr. Thomas Url, Senior Economist am Österreichischen Institut für Wirtschaftsforschung (WIFO), erklärt, warum Wissen allein nicht zum Handeln führt, weshalb lebenslange Renten aus ökonomischer Sicht Vorteile bieten und welche Anpassungen auf das österreichische Pensionssystem zukommen könnten.

Kerstin Quirchtmayr

Redakteur/in: Kerstin Quirchtmayr - Veröffentlicht am 02.09.2026

Thomas Url: „Der Gegenwartsbezug verhindert oft rechtzeitige Vorsorge“

Dr. Thomas Url, Senior Economist am Österreichischen Institut für Wirtschaftsforschung (WIFO)

Die finanzielle Situation im Ruhestand ist für viele Menschen ein Thema, konkrete Entscheidungen werden dennoch häufig vertagt. Eine aktuelle INTEGRAL-Studie zur Ruhestandsplanung der Generation 50+, die im Rahmen einer Veranstaltung von Standard Life präsentiert wurde, zeigt diese Diskrepanz deutlich. Thomas Url sieht dafür eine Erklärung in der Verhaltensökonomie: „Alles, was zeitlich weit entfernt liegt, wird von Menschen systematisch geringer bewertet. Für einen 50-Jährigen liegt die Pension häufig noch 15 Jahre in der Zukunft. Dieses Thema verliert dadurch im Alltag an Bedeutung. Die Gegenwart mit ihren aktuellen finanziellen Herausforderungen erscheint wichtiger als eine Lebensphase, die noch weit entfernt ist. Das führt dazu, dass notwendige Entscheidungen immer wieder aufgeschoben werden.“

Hinzu kommt, dass bei der Planung für den Ruhestand eine entscheidende Größe häufig falsch eingeschätzt wird. „Viele Menschen unterschätzen ihre eigene Lebenserwartung. Sie orientieren sich daran, wie alt ihre Eltern geworden sind. Tatsächlich steigt die Lebenserwartung aber von Generation zu Generation kontinuierlich. Dadurch wird häufig auch unterschätzt, wie lange die eigene Pensionsphase dauern kann“, erklärt Url.

Lebenslange Rente statt einmaliger Kapitalauszahlung?

Die Studie zeigt auch eine Präferenz vieler Befragter für eine Kapitalauszahlung bei Vorsorgeprodukten. Aus ökonomischer Sicht spricht für Url einiges dafür, das angesparte Vermögen stattdessen über eine lebenslange Rente zu beziehen: „Aus ökonomischer Sicht wäre eine lebenslange Rentenzahlung vielfach die sinnvollere Lösung, weil sie das sogenannte Langlebigkeitsrisiko absichert. Niemand weiß heute, ob er 80, 90 oder vielleicht sogar 100 Jahre alt wird. Wer sich sein gesamtes Kapital zu Pensionsbeginn auszahlen lässt, trägt dieses Risiko alleine. Eine lebenslange Rente verteilt dieses Risiko wesentlich besser.“

Dass sich Menschen dennoch häufig für die Kapitalauszahlung entscheiden, führt Url auch auf die Einschätzung der eigenen Lebensdauer zurück: „Gerade weil viele Menschen ihre eigene Lebenserwartung unterschätzen, werden solche Entscheidungen häufig nicht rational getroffen. Das ist kein österreichisches Phänomen, sondern lässt sich international beobachten.“

Private Vorsorge gewinnt als Ergänzung an Bedeutung

Das österreichische Pensionssystem hält Url grundsätzlich weiterhin für leistungsfähig. Die demografische Entwicklung macht aus seiner Sicht jedoch laufende Anpassungen notwendig: „Ich halte das Vertrauen in das österreichische Pensionssystem grundsätzlich für gerechtfertigt. Die gesetzliche Pension wird auch künftig eine tragende Rolle spielen. Allerdings wird das Umlagesystem aufgrund der demografischen Entwicklung laufend angepasst werden müssen. Die steigende Lebenserwartung und die Alterung der Bevölkerung erhöhen den Finanzierungsdruck kontinuierlich.“

Längere Pensionsdauer erhöht den Anpassungsdruck

Ein wesentlicher Faktor für die Finanzierung ist die längere Zeit, die Menschen heute durchschnittlich in Pension verbringen. Die Erwerbsphase hat sich laut Url nicht im selben Ausmaß verändert: „Wir beziehen heute rund sechs Jahre länger Pension als noch vor fünfzig Jahren. Gleichzeitig hat sich die Erwerbsphase nicht entsprechend verlängert. Dieses Verhältnis kann auf Dauer nicht unverändert bleiben. Deshalb müssen wir versuchen, das tatsächliche Pensionsantrittsalter weiter anzuheben. Genau darauf zielen auch die jüngsten Reformen ab – etwa bei der Korridorpension oder der Altersteilzeit.“

Pensionskonto um eine Gesamtsicht erweitern

Das Pensionskonto hat nach Einschätzung Urls die Information über die zu erwartende gesetzliche Pension verbessert. Für die persönliche Vorsorgeplanung könnte es jedoch weiterentwickelt werden: „Sinnvoll wäre eine Gesamtsicht, die neben der gesetzlichen Pension auch betriebliche und private Vorsorge integriert. Dann würden die Menschen wesentlich besser erkennen, welche Einkünfte sie im Ruhestand tatsächlich erwarten können.“

Eine bessere Information allein löst das Vorsorgeproblem laut Url allerdings nicht. Entscheidend sei auch, wann mit dem Vermögensaufbau begonnen wird: „Vor allem müssen wir die Menschen früher erreichen. Wer mit 25 oder 30 Jahren beginnt, regelmäßig vorzusorgen, profitiert über Jahrzehnte vom Zinseszinseffekt. Wer erst kurz vor der Pension aktiv wird, muss wesentlich höhere Beträge investieren, um dieselben Ziele zu erreichen.“

„Der demografische Wandel bleibt der entscheidende Faktor“

Für die kommenden zehn bis 15 Jahre erwartet Url, dass vor allem die Bevölkerungsentwicklung die Altersvorsorge in Österreich prägen wird. Dabei sieht er auch die politische Kommunikation gefordert. „Der demografische Wandel bleibt der entscheidende Faktor. Gleichzeitig wünsche ich mir mehr Ehrlichkeit in der politischen Diskussion. Das Umlagesystem wird auch künftig funktionieren, aber es wird laufend angepasst werden müssen. Je früher diese Realität offen kommuniziert wird, desto besser können sich die Menschen darauf einstellen und rechtzeitig private Vorsorge betreiben. Das wäre aus meiner Sicht der wichtigste Schritt für eine nachhaltige Altersvorsorge in Österreich.“

Das gesamte Interview lesen Sie in der AssCompact September-Ausgabe!

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