Standard Life: Frauen lassen Chancen auf finanzielle Besserstellung oft liegen

(Bild: v.l.n.r.: Dr. Marietta Babos, Gründerin der unabhängigen Finanzberatungsplattform „damensache.at“ und Univ.-Prof. Dr. Bettina Fuhrmann, Leiterin des Instituts für Wirtschaftspädagogik an der Wirtschaftsuniversität Wien) sowie Christian Nuschele, Head of Distribution Standard Life Österreich und Deutschland | © Standard Life)

Standard Life: Frauen lassen Chancen auf finanzielle Besserstellung oft liegen

24. Oktober 2022

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9 Min. Lesezeit

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Recht & Wissen

Mit welchen Strategien Frauen finanzielle Unabhängigkeit erlangen können, war Thema des von Standard Life initiierten Workshops Mitte Oktober 2022 zum Thema „Selbstbewusst & Geldbewusst – Lösungsansätze zur Vermeidung finanzieller Stolpersteine in diversen Lebensphasen einer Frau“.

Kerstin Quirchtmayr

Redakteur/in: Kerstin Quirchtmayr - Veröffentlicht am 10/24/2022

Als eine der Ursachen der oft prekären finanziellen Situation von Frauen sieht Univ.-Prof. Dr. Bettina Fuhrmann, Leiterin des Instituts für Wirtschaftspädagogik an der Wirtschaftsuniversität, im mangelnden Problembewusstsein. Das Erwerbsleben von Frauen ist – im Unterschied zu Männern – häufig von Berufsunterbrechungen und Teilzeitarbeit aufgrund von Familiengründung sowie unbezahlter Betreuungstätigkeit geprägt. „Frauen ist zu wenig bewusst, wie drastisch sich eine längere Phase der Teilzeitarbeit mit geringem Stundenumfang auf die Pensionshöhe auswirkt“, so Fuhrmann. Anhand eines Rechenbeispiels führte sie die Konsequenzen deutlich vor Augen:

Die im Jahre 2005 in Österreich eingeführte Möglichkeit zum Pensionssplitting zielt darauf ab, die negativen Auswirkungen von Karenz bzw. Teilzeitarbeit auf die Pension abzufedern. Diese auf einer freiwilligen Vereinbarung der Partner basierende Option ist allerdings wenig bekannt. Beim Pensionssplitting können bis zu 50% der staatlichen Pensionsbeiträge vom Elternteil, der (mehr) arbeitet, zugunsten des anderen Elternteils übertragen werden – und das bis zum 7. Geburtstag des Kindes. Der nicht oder geringer erwerbstätige Elternteil erhält dementsprechend eine jährliche Teilgutschrift auf seinem Pensionskonto gutgeschrieben.

Der durch das Pensionssplitting zusätzlich lukrierte Pensionsbetrag für den nicht oder weniger verdienenden Elternteil ist deutlich höher als die damit zusammenhängende Verringerung der Pensionshöhe des (besser) verdienenden Partners.

Frauen nutzen das Pensionssplitting trotz des beachtlichen Effekts jedoch selten zu ihrem Vorteil. Interessanterweise wird dieses relativ häufiger dann vereinbart, wenn der Mann in einer Partnerschaft weniger verdient als die Frau und einige Zeit in Karenz geht.

Nicht die kleinen, aber die wesentlichen finanziellen Entscheidungen wie Investitionen und Finanzierungen überlassen viele Frauen gerne ihrem Partner (Quelle: https://damensache.at/wissenswertes/pensionssplitting/). Fuhrmann führt das auf eine Unsicherheit dieser Frauen in finanziellen Belangen zurück. Diese stehe wiederum mit mangelnder Bereitschaft zur Auseinandersetzung mit Finanzthemen, immer komplexer werdenden Finanzprodukten und einem daraus resultierenden Wissensmanko in Zusammenhang. „Es handelt sich um einen selbsterhaltenden Kreislauf, der umgekehrt werden muss. Verpflichtende Finanzbildung an Schulen – wie von der Bildungsdirektion Wien beschlossen – bzw. in einer späteren Lebensphase Finanzcoaching sind ein wichtiger Schritt in diese Richtung. Denn besseres Finanzwissen bewirkt mehr Interesse am Finanzbereich und fördert – z.B. durch den Vergleich von Konditionen – eine realistische Einschätzung von Risiken. Dadurch werden Skills entwickelt, die zu mehr Geldbewusstsein führen und die in der Folge zu einer intensiveren Beschäftigung mit finanziellen Thematiken motivieren. Mit dem erlangten Finanzwissen können finanzielle Entscheidungen selbstbewusst und kompetent getroffen werden, anstatt sie anderen zu überlassen. Dies ist ein wichtiger Faktor für finanzielle Unabhängigkeit“.

Eine Studie von Greimel-Fuhrmann & Silgoner 2018 zeigt, dass es einzig in der Gruppe der Interviewten, die aus unterschiedlichen Gründen alleine leben, beim Problembewusstsein und Verständnis für finanzielle Angelegenheiten keine Unterschiede zwischen Männern und Frauen gibt. „Frau kann, wenn sie muss“, bringt Fuhrmann dieses Ergebnis auf den Punkt.

Unterschätzte finanzielle Risiken: Berufswahl, Familiengründung und Langlebigkeit

Der von Eurostat erhobene „Gender Pay Gap“ legt dar, dass das Lohnniveau von Frauen in Österreich durchschnittlich um rund 19% niedriger ist als bei Männern. Damit liegt der geschlechtsspezifische Lohnunterschied klar über dem EU-Schnitt von 13%. Dr. Marietta Babos, Gründerin der unabhängigen Finanzberatungsplattform „damensache.at“, sieht Berufscoaching junger Frauen als wesentlichen Faktor, um diese Tatsache zu ändern. Denn Frauen haben bis heute häufig weniger gut dotierte Jobs – wie beispielsweise im Handel oder in der Gesundheits- und Krankenpflege. „Es geht darum 'out-of-the-box´ zu denken, sich über neue, gut bezahlte Berufschancen zu informieren, in Ausbildung zu investieren und seinen Marktwert zu kennen. Darüber hinaus braucht es ein Verständnis dafür, wie sich Erwerbsunterbrechungen, Teilzeitarbeit sowie unbezahlte (Betreuungs-)Arbeit auf die eigene finanzielle Situation auswirken – und das Bewusstsein, dass diese nicht als Angelegenheit der Frau, sondern der gesamten Familie verstanden werden“, so Babos.

Eine Familiengründung bedeutet für viele Frauen immer noch einen Einkommensknick, der deutliche Folgen für die Pensionshöhe hat. Babos betont: „Finanziell auf eigenen Beinen zu stehen, ist nicht nur in Hinblick auf eine Scheidungsrate von 36,9 von Bedeutung. Frauen haben zumeist einen um einige Jahre älteren Partner und leben im Schnitt rund fünf Jahre länger als Männer. Mathematisch gesehen gilt es daher oft, die letzten zehn Jahre Leben und Haushalt alleine zu finanzieren. Zudem muss mit zusätzlichen Kosten für die Pflege im Alter gerechnet werden“.

Überblick über konkreten Handlungsbedarf schaffen – Steuervorteile nutzen

Eine von damensache.at durchgeführte Studie veranschaulicht, dass die realen Alterspensionen bei Frauen um 5 Prozent überschätzt und bei Männern um 10 Prozent unterschätzt werden. „Handlungsbewusstsein wird geschaffen, wenn Frauen möglichst konkret und greifbar aufgezeigt wird, welcher Handlungsbedarf für sie besteht“, betont Babos. Mit dem behördlichen Pensionskontorechner kann die voraussichtliche Pensionslücke ausgerechnet werden. Mit einem Zukunftsrechner wie auf damensache.at ist darüber hinaus erkennbar, welcher Geldbetrag monatlich für die Pensionsvorsorge investiert werden sollte, um die Pensionslücke zu schließen, und wie sich der Zinseszins auswirkt.

„Ich empfehle eine Notreserve in der Höhe der 3-6-fachen monatlichen Fixkosten jederzeit verfügbar auf ein klassisches Sparkonto zu legen – auch wenn dies aufgrund der niedrigen Zinsen und Inflation derzeit mit einem Kaufkraftverlust verbunden ist. Darüber hinaus sollten jedoch Investitionen für einen mittel- und langfristigen Vermögensaufbau – zeitlich und auf diverse Veranlagungsformen gestreut – erfolgen. Dabei können attraktive Steuervorteile genutzt werden“, unterstreicht Babos. So ist es etwa möglich, in den gleichen Wertpapierfonds über eine Bank oder eine Versicherung zu investieren. Der Vorteil von Fondsgebundenen Lebensversicherungen: sie sind von der Kapitalertragsteuer befreit. Statt 27,5 Prozent KESt., wie bei Wertpapier-Depots auf die Erträge, sind nur 4 Prozent Versicherungssteuer auf die Einlagen fällig – dafür gilt eine Behaltedauer für Unter-50-Jährige von 15 Jahren bzw. Über-50-Jährige von 10 Jahren.

Vorsorgestart spätestens mit Eintritt ins Berufsleben planen

Wichtiger Aspekt ist die zunehmende Überalterung in Österreich, mit der die Finanzierbarkeit des Pensionssystems immer schwieriger wird. Laut Agenda Austria werden im Zeitraum 2021 bis 2025 in Summe rund 125 Milliarden Euro aus dem Budget ins Pensionssystem zugeschossen werden müssen.Dennoch setzen sich hierzulande die Pensionen immer noch zu 90 Prozent aus der gesetzlichen Pension (vgl. Schweiz: 40 %), zu 4 Prozent aus der betrieblichen Vorsorge und nur zu 6 Prozent aus privater Vorsorge zusammen. Junge Menschen sind angesichts dieser Entwicklung gefordert, möglichst früh privat vorzusorgen. „Ideal ist es, wenn bereits vor dem Eintritt ins Berufsleben mit der Vorsorge gestartet wird – spätestens aber mit Berufsbeginn. Dabei empfiehlt es sich, 10-15 Prozent des Nettoeinkommens für die Pensionsvorsorge zu investieren, um finanziell kurz- und langfristig auf solidem Boden zu stehen.“

Babos ergänzt: „Für Kinder spielt beim Umgang mit Finanzen die Vorbildwirkung zuhause eine enorme Rolle. Es ist daher durchaus wertvoll, mit ihnen u.a. eine kluge Einteilung des Taschengelds zu besprechen und ihr Interesse an Finanzthemen zu wecken.“ Es gibt kein „zu früh“ für die Auseinandersetzung mit den eigenen Finanzen, so die beiden Expertinnen unisono.

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