Die Rahmenbedingungen im Versicherungsmarkt verändern sich spürbar – neue Risiken treten stärker in den Vordergrund, während andere an Aufmerksamkeit verlieren. Dr. Wolfgang Petschko, Vorstandsdirektor der DONAU Versicherung, ordnet die aktuelle Marktsituation ein und spricht über Entwicklungen in einzelnen Sparten, steigende Anforderungen im Gewerbegeschäft sowie die Bedeutung von Transparenz, Bestandsarbeit und funktionierenden Prozessen.
Redakteur/in: Kerstin Quirchtmayr - Veröffentlicht am 15.04.2026
Der Versicherungsmarkt hat sich im vergangenen Jahr insgesamt stabil entwickelt, zeigt jedoch je nach Sparte unterschiedliche Dynamiken. Dr. Wolfgang Petschko weist darauf hin, dass sich hinter der positiven Gesamtentwicklung sehr unterschiedliche Entwicklungen in den einzelnen Bereichen verbergen: „2025 war über den gesamten Versicherungsmarkt hinweg ein solides wirtschaftliches Jahr. In vielen Bereichen wurden gute Ergebnisse erzielt, und damit sind wir grundsätzlich auch zufrieden. Wenn man in die einzelnen Sparten schaut, zeigen sich aber unterschiedliche Themen. In der Sachversicherung ist die Schadenentwicklung solide. Gleichzeitig tauchen neue Risiken auf, die in einzelnen Branchen für dynamische Entwicklungen sorgen.“
Gleichzeitig sieht er eine veränderte Wahrnehmung von Risiken, insbesondere im Bereich der Naturgefahren. „Was ich kritisch sehe: Nach einem guten Jahr rücken Naturgefahren schnell in den Hintergrund. Vor eineinhalb Jahren war Hochwasser ein großes Thema – heute, nach einer ruhigeren Phase, ist es im kollektiven Bewusstsein deutlich weniger präsent. Ich glaube aber nicht, dass sich das Risiko tatsächlich reduziert hat. Es wird derzeit eher unterschätzt“, so Petschko.
Transparenz entscheidet über Versicherbarkeit
Die Versicherbarkeit von Risiken hängt wesentlich von deren Aufbereitung und Nachvollziehbarkeit ab. Petschko erklärt, dass gut strukturierte Informationen die Bereitschaft zur Zeichnung deutlich erhöhen: „Es ist entscheidend, in welcher Qualität die Informationen geliefert werden. In der Praxis sieht man große Unterschiede: Es gibt Unternehmen, die ihr Risikomanagement sehr gut im Griff haben und genau wissen, was sie tun. Und es gibt andere, die zu wenig strukturiert vorgehen und Beratung brauchen. Für den Versicherer ist klar: Dort, wo Risiken professionell gemanagt und transparent dargestellt werden, ist auch die Bereitschaft höher, diese Risiken zu zeichnen. Diese Transparenz wird maßgeblich über den Makler hergestellt.“
Zusammenarbeit: Nähe und Prozesse als Faktoren
Die Zusammenarbeit zwischen Versicherern und Maklern wird sowohl durch persönliche Erreichbarkeit als auch durch effiziente Prozesse geprägt. Petschko sieht insbesondere die Kombination aus regionaler Nähe und digitalen Lösungen als entscheidend: „Wir sehen uns als verlässlicher Partner der Makler. Das ist für uns seit Jahren eine konstante Haltung, die wir auch bewusst nach außen tragen. Wie zeigt sich das? Ein wichtiger Punkt ist die regionale Verfügbarkeit. Durch die Nähe vor Ort entsteht ein direkter Kontakt, der in vielen Situationen hilfreich ist. Auch wenn moderne Kommunikationsmittel vieles erleichtern, ist es oft von Vorteil, einen Ansprechpartner in der Region zu haben, mit dem man Themen persönlich besprechen kann.“
Parallel dazu gewinnen digitale Lösungen an Bedeutung. „Ein weiterer zentraler Aspekt sind digitale Unterstützungsangebote. Dazu gehören etwa Schnittstellen oder kooperative Antragsstrecken, die es ermöglichen, gemeinsam und auch digital an Fällen zu arbeiten. Ziel ist es, Prozesse möglichst einfach zu gestalten, damit die Zusammenarbeit effizient funktioniert“, so Petschko.
Naturgefahren und Cyber: unterschätzte Risiken
Bestimmte Risiken bleiben dauerhaft relevant, werden aber unterschiedlich stark wahrgenommen. Petschko sieht insbesondere bei Naturgefahren eine gefährliche Unterschätzung: „Beim Thema Naturgefahren sehe ich, dass das Risiko aktuell wieder etwas in den Hintergrund rückt, wenn längere Zeit nichts passiert. Tatsächlich ist es aber weiterhin hoch – das zeigt auch der Rechnungshofbericht. Eine zentrale Herausforderung liegt weniger in der Schadenregulierung als in der anschließenden Reparatur. Es fehlen schlicht Handwerker wie Dachdecker oder Spengler.“
Im Cyberbereich sieht er hingegen vor allem Defizite in der Absicherung. „Im Cyberbereich ist die Situation anders: Die Versicherungsdurchdringung ist nach wie vor zu gering. Viele unterschätzen das Risiko und gehen davon aus, dass es sie nicht betrifft. Aus meiner Sicht ist eher die Frage, nicht ob, sondern wann ein Unternehmen betroffen sein wird“, so Petschko.
Kostenentwicklung und Schadenabwicklung
Steigende Kosten und begrenzte Kapazitäten wirken sich zunehmend auf die Schadenabwicklung aus. Petschko meint aber, dass die grundsätzliche Versicherbarkeit derzeit jedoch nicht infrage steht: „Einen direkten Einfluss auf die grundsätzliche Versicherbarkeit sehe ich derzeit noch nicht. Es ist nicht so, dass Risiken deshalb nicht mehr versicherbar wären, weil sie schwer reparierbar sind. Im Bereich der Naturgefahren wird das Thema durch die Gleichzeitigkeit vieler Schäden stärker sichtbar. Wenn viele Schäden gleichzeitig auftreten, trifft eine hohe Nachfrage auf ein begrenztes Angebot an Handwerkern. Grundsätzlich bleibt die Problematik bestehen: Es gibt zu wenige Fachkräfte, und das wirkt sich auch auf die Preise aus.“
Als Reaktion darauf baut die DONAU eigene Strukturen auf. „Als Versicherer haben wir darauf reagiert, indem wir ein eigenes Netzwerk an Handwerkspartnern und Werkstätten aufgebaut haben. Ziel ist es, österreichweit zuverlässige Partner zur Verfügung zu haben, die Schäden mit guter Qualität reparieren oder sanieren können. Dabei geht es nicht nur um die finanzielle Entschädigung, sondern auch darum, die tatsächliche Schadenbehebung sicherzustellen“, so Petschko.
Versicherungssummen und Bestandsarbeit
Steigende Kosten führen zu wachsenden Herausforderungen bei der Festlegung von Versicherungssummen. Petschko sieht insbesondere die Gefahr, dass bestehende Indizes die reale Entwicklung nicht ausreichend abbilden: „Ein Thema ist, dass gängige Indizes wie der Verbraucherpreisindex nur bedingt die tatsächliche Kostenentwicklung widerspiegeln – insbesondere im Bau- und Handwerksbereich, wo die Preise deutlich stärker gestiegen sind. Das führt dazu, dass Versicherungssummen oft langsamer steigen als die tatsächlichen Wiederherstellungskosten. Dadurch entsteht potenziell das Risiko einer Unterversicherung.“
Daraus ergibt sich auch eine klare Aufgabe für die Beratung. „Ich empfehle daher, Versicherungssummen regelmäßig aktiv zu überprüfen und nicht davon auszugehen, dass eine automatische Indexierung ausreicht. In der Praxis sehen wir zunehmend Schäden, die nahe an die Versicherungssumme herankommen. Das war früher deutlich seltener der Fall“, so Petschko.
Auch die laufende Betreuung bestehender Verträge bleibt aus seiner Sicht zentral. „Die Bestandsarbeit ist aus meiner Sicht ein zentraler Punkt. Die Bautätigkeit ist aktuell geringer als früher, das heißt, dass ein großer Teil der regelmäßigen Geschäftstätigkeit aus Arbeit im Bestand besteht. Ich sehe immer wieder Verträge, die über einige Jahre hinweg kaum überprüft wurden. Das ist problematisch, weil sich die Rahmenbedingungen und Risiken verändern“, erklärt Petschko.
Digitalisierung und Prozessqualität
Digitale Prozesse verändern die Zusammenarbeit zwischen Versicherern und Maklern grundlegend. Petschko sieht hier deutliche Fortschritte in der Effizienz: „Wenn ich mir unsere Dunkelverarbeitungsquoten anschaue, dann haben wir hier große Fortschritte gemacht. Die Zahlen entwickeln sich dynamisch, was ein gutes Indiz dafür ist, dass Prozesse gut funktionieren. Positives Feedback bekommen wir auch zur sogenannten kooperativen Antragsstrecke. Das bedeutet, dass Makler und Versicherer gemeinsam an einem Antrag arbeiten können – auch digital und unabhängig vom Standort.“
Auch die technologische Weiterentwicklung verändert die Arbeitsweise im Vertrieb. „Unsere gesamten IT-Systeme sind sehr agil konzeptioniert. Prozesse und Antragsstrecken können wir heute deutlich schneller anpassen. Änderungen können zentral umgesetzt und ausgerollt werden, ohne dass Makler ständig mit neuen Unterlagen oder Tools arbeiten müssen“, so Petschko.
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Foto oben: Dr. Wolfgang Petschko im Gespräch mit AssCompact Herausgeber Franz Waghubinger
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