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Biometrie: „Müssen erst Basisarbeit leisten“
03. März 2020

Biometrie: „Müssen erst Basisarbeit leisten“

Warum es mehr Bewusstsein für biometrische Risiken braucht und wie Beraterinnen und Berater dazu beitragen können, besprechen in einer AssCompact Interviewrunde* Mirjana Jovanovic, TOP Broker e.U.; Monika Maximilian, Versicherungsmaklerin und Finanzberaterin aus Wien und Evelyn Tschenett, Tschenett-Agentur Campagne GmbH.


Sehr häufig ist vom allgemeinen Begriff der „biometrischen Risiken“ die Rede. Was verstehen Sie konkret unter einer professionellen Beratung in diesem Bereich?

Mirjana Jovanovic: Mir ist es sehr wichtig, alle relevanten Details vom Kunden zu erfahren. Diese wären z. B. der Beruf, die Gesundheit, die Höhe des Einkommens, die Lebenssituation, eventuell offene Kredite/Leasing als auch die aktuell bestehenden Versicherungsverträge. Erst dann kann ich ihm als Gesamtkonzept seine Deckungslücken, Risiken und Lösungen unterbreiten.

Monika Maximilian: Biometrische Risiken sind:

  • die bleibende Invalidität durch Unfall
  • die Berufsunfähigkeit durch Unfall oder Krankheit
  • Hier kommt noch für UnternehmerInnen unbedingt die Betriebsunterbrechung für freiberuflich Tätige dazu.
  • Die Pflegerente ist mittlerweile für mich ein Must-have.
  • Und die Risikoablebensversicherung ist aus meiner Sicht auch unerlässlich, sobald man Familie, einen Partner, von dem man finanziell abhängig ist, hat – auch Selbstständige sollten unbedingt für die Bezahlung von etwaigen Steuer- und SVS Zahlungen nach dem Tod, für Zahlungen, die noch während des Verlassenschaftsverfahren auftreten können, vorsorgen.
  • Für mich ist seit vielen Jahren auch die „medizinische Versorgung“ ein Thema, welches in die biometrischen Risiken reinfällt.

Evelyn Tschenett: Bei biometrischen Risiken handelt es sich um Lebensrisiken, die bei allen Menschen im Laufe eines Lebens eintreten können. Konkret betrifft dies Arbeits-, Erwerbs- und Berufsunfähigkeit, schwere Erkrankungen, Unfälle und im schlimmsten Fall das Ableben. Eine professionelle Beratung basiert zum ersten auf der Auflistung aller Risiken und deren finanziellen Folgen für die einzelnen Personen bzw. Familienmitglieder. Erst in einem zweiten Schritt kann man ein Konzept mit den passenden Produkten ausarbeiten und vorstellen.

Häufig ist vor allem bei Familien mit Kindern den Versorgern nicht klar, was passiert, wenn ein Ereignis eintritt, das die Lebensumstände massiv verändert. Wir müssen in diesem Bereich leider erst Basisarbeit leisten bzw. ein Umdenken schaffen.

Obwohl in der Versicherungsbranche immer wieder die Wichtigkeit der Berufsunfähigkeitsvorsorge betont wird, ist die tatsächliche Durchdringungsrate in Österreich verschwindend gering. Woran liegt das?

Mirjana Jovanovic: Sehr oft bekomme ich zu hören, dass der Kunde die Berufsunfähigkeitsvorsorge bereits kennt. Jedes Mal war es leider ein Irrglaube, denn die Kunden verwechseln die Versicherungsprodukte und meinen damit etwas ganz Anderes. Einige Berater ignorieren regelrecht diese Vorsorge, da sie diese als „kompliziert“ benennen. Nur durch Weiterbildung und Eigeninitiative können wir diese Vorsorge voran bringen, welche einer der wichtigsten Vorsorgeformen unter allen Versicherungssparten ist.

Monika Maximilian: Leider wird weder in der Politik noch in den Medien groß auf die Lücken in diesem Bereich hingewiesen. Aus meiner Erfahrung lautet es in der Bevölkerung noch immer: „Der Sozialstaat wird es schon richten.“ Von zehn Kunden weiß nur einer, wie die aktuelle staatliche „Absicherung“ bzw. „NICHT-Absicherung“ im Falle Invalidität, Berufsunfähigkeit und Pflegefall ausschaut. Hinzu kommt die Mentalität: „MIR WIRD SO ETWAS SICHER NICHT PASSIEREN!“ Obwohl die Österreicher-Innen zu den Jammerern gehören, über diese Themen spricht man nicht.

Außerdem merke ich auch im Kollegenkreis, dass nur wenige BeraterInnen wirklich proaktiv diese Themen beraten. Oft herrscht noch immer die Meinung: „Der Versicherer wird sicherlich einen Grund finden, warum er im Schadensfall nicht zahlen wird.“

Eine Berufsunfähigkeitsabsicherung, eine Pflegerente oder Risikoablebensversicherungen und Zusatzkrankenversicherungen sind beratungsintensiv und allein schon bei der Beantwortung der Gesundheitsfragen kann es kompliziert werden. Davor schrecken viele BerarterInnen zurück.

Evelyn Tschenett: Die niedrige Durchdringung liegt zum einen daran, dass die Menschen denken, dass im Ernstfall ohnehin der Staat für sie sorgt – die wenigsten kennen die Gesetzeslage wirklich. Zum anderen liegt es an den Prämien von Produkten für die Berufsunfähigkeitsvorsorge. Ab einem gewissen Alter ist das für Familien der Mittelklasse nicht mehr leistbar. Wenn, dann sollten immer beide Elternteile abgesichert sein, und das wird teuer.

Günstig sind derartige Vorsorgen nur bei sehr jungen Menschen. Deshalb sollten Eltern danach trachten, ihre Kinder zeitgerecht abzusichern!

 

Stichwort Pflege: Was kommt angesichts demografischer und politischer Entwicklungen hier auf uns zu?

Mirjana Jovanovic: Seitens der staatlichen Entwicklung sehe ich keine Verbesserung in Sachen Pflegeleistung. Daher wird die private Pflegeversicherung immer wichtiger. Die heimischen Anbieter haben teilweise gute Leistungsangebote, jedoch leisten sie noch sehr unterschiedlich. Aus meiner Sicht sollten sich die Versicherer auch bei der Pflege abstimmen und wenigstens die gleichen Parameter festlegen. Es gibt Versicherer die sich an die staatlichen Pflegestufen richten und andere Versicherer legen wiederum eigene Parameter (wie z.B. Aufstehen, zu Bett gehen, An- und Auskleiden usw.) fest.

Die Kunden sehen die Pflegeversicherung wie die private Krankenversicherung als ein „Luxusprodukt“. Dies liegt an der fehlenden persönlichen Erfahrungen der Notwendigkeit, aber auch an den teilweise hohen Prämien.

Monika Maximilian: Die Pflege ist eine tickende Zeitbombe, die noch zu wenigen in der Welt bewusst ist. Frage an Sie: Wie haben Sie für Ihren Pflegefall vorgesorgt? Wissen Sie, ob Ihre Eltern – falls Sie noch leben – genügend Geld für ihre Pflege zur Verfügung haben oder ob es Sie treffen wird und Sie in die Tasche greifen müssen? Haben Sie die Zeit und auch das Animo, dann Ihre Eltern zu pflegen? Allein, wenn Sie sich diese Fragen selbst beantworten, werden Sie merken, wie stiefmütterlich dieses Thema überhaupt gesehen wird.

Evelyn Tschenett: Die Pflege wird in den nächsten Jahren ein massives Problem – zu wenige Pflegekräfte und Menschen, die immer noch älter werden. Es wird zwar immer noch davon gesprochen, der Staat sorgt für alles. Auch hier trügt der Schein. Bereits heute können die Anforderungen an unser System nicht mehr erfüllt werden. Die heimischen Anbieter halten eine große Palette von sehr guten Absicherungsmöglichkeiten bereit – man muss nur davon Gebrauch machen.

Welche Rolle spielen Beraterinnen und Berater bei der Kundenbetreuung und Begleitung im Leistungsfall?

Mirjana Jovanovic: Gerade im Leistungsfall benötigt der Kunde seinen vertrauten Berater, um eine rasche Unterstützung zu erhalten. Gerade wenn es schnell gehen soll, möchte kein Kunde in der Warteschleife hängen. Sei es bei einem Autounfall mit einem reinen Blechschaden, dass man den Kunden nur auf den Unfallbericht und die genauen Daten der Mitbeteiligten erinnert.

Wir als unabhängige Berater sind keine Sachverständigen und schon gar nicht die Versicherung selbst, daher müssen wir darauf achten, keine Leistungsversprechen oder Zusagen zu machen.

Monika Maximilian: Ich habe mich verpflichtet, in guten wie in schlechten Zeiten meine KundenInnen in ihrem Finanzleben zu begleiten. Daher ist die Begleitung – gerade in so einer Ausnahmesituation – ein absolutes Muss für mich.

Evelyn Tschenett: Im Leistungsfall ist es ganz wichtig, dass die richtigen Schritte zeitgerecht gesetzt werden! Die Versicherten sind meist mit der Vorgangsweise bei Schadensmeldungen und der Leistungsanforderung überfordert. Da können nur wir als Berater und/oder Kundenbetreuer wirklich entscheidend helfen.

*Gekürzte Version; das gesamte Interview erscheint in der AssCompact März-Ausgabe.





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