Das Versicherungsjahr 2025 war eines der Bewegung – wirtschaftlich, technologisch und menschlich. Nach Jahren der Unsicherheit hat sich die Branche neu sortiert: Kooperation statt Konkurrenz, Technologie als Werkzeug statt Selbstzweck und eine Rückbesinnung auf den Kernauftrag – Schutz, Stabilität und Vertrauen. Geprägt wurde das Jahr von Konsolidierung, KI in der Praxis, wachsendem Vorsorgebewusstsein und einer deutlichen Aufwertung von Verantwortung in Beratung und Management.
Redakteur/in: Andreas Richter - Veröffentlicht am 19.12.2025
Gewerbeversicherung: Zwischen Risikoappetit und Realität
2025 zeigte deutlicher denn je, wie eng Versicherbarkeit, Preis und Verantwortung miteinander verflochten sind. Das Geschäft ist vorhanden, doch die Platzierung wird zunehmend zum Balanceakt. Steigende Schadenkosten, restriktiveres Underwriting und neue Risikotypen verschieben Grenzen. Viele Vermittler geraten zwischen Kundenerwartung und Marktrealität. „Das Geschäft ist da – aber es wird immer schwerer, es unterzubringen“, fasste ein Teilnehmer des AssCompact Roundtables dieses Thema treffend zusammen.
Ein Markt unter Druck
Das klassische Gewerbegeschäft hat sich zum anspruchsvollen Spezialmarkt entwickelt. Versicherer prüfen selektiver, besonders in Branchen wie Bau, Holz oder Recycling. Schon kleine Auffälligkeiten oder unzureichende IT-Sicherheitsmaßnahmen führen zu Rückfragen oder Ablehnungen. Versicherungsmakler müssen Risiken heute aufbereiten wie Dossiers – inklusive Nachweisen, Zertifikaten und Präventionsplänen. Zugleich verschärft der Kostendruck die Situation: Inflation und steigende Energiepreise führen dazu, dass Betriebe Deckungen kürzen oder Summen senken. Kurzfristig spart das Geld, langfristig droht Unterversicherung – und damit Haftung für Vermittler.
Parallel drängen jüngere Themen wie Cyber, ESG und Lieferketten in die Beratung. Ohne Firewalls oder Notfallkonzepte kein Schutz – Anforderungen, an denen viele KMU scheitern. Cyber bleibt ein Sorgenkind, Nachhaltigkeit wird immer mehr zur Bedingung, und die Umsetzung kostet Zeit und Geld. Auch Versicherer selbst agieren vorsichtiger: Nach hohen Schadenjahren dominiert Profitabilität vor Wachstum, Entscheidungen werden zentralisiert, und der persönliche Austausch mit Underwritern nimmt ab. Der Ruf nach direkter Kommunikation und mehr Augenmaß wird lauter.
2025 hat damit eine klare Botschaft gesendet: Versicherbar bleibt vieles – aber nicht um jeden Preis. Versicherungsschutz entsteht heute durch Zusammenarbeit – zwischen Kunden, Vermittler und Versicherern. Wo Transparenz, Prävention und Vertrauen zusammenkommen, bleibt die Gewerbeversicherung ein starkes Geschäftsfeld – auch in schwierigen Zeiten.
Kooperation mit Haltung
Der klassische Einzel-Makler bleibt vermutlich ein Rückgrat des Marktes, doch der Wunsch nach gemeinsamer Stärke wächst zusehends. Viele Betriebe erkennen, dass sie allein weder IT, Compliance noch Marketing dauerhaft stemmen können. Kooperationen entlasten, schaffen Effizienz und Zugang zu Tools, Produkten und Verhandlungskraft – ohne die Selbstständigkeit völlig aufzugeben. So entstehen hybride Strukturen, die Freiheit mit Skaleneffekten verbinden. Auch für Versicherer bringt das Vorteile: klarere Ansprechpartner, professionellere Prozesse und standardisierte Schnittstellen. Andererseits wächst aber naturgemäß der Druck durch das gebündelte Auftreten der Maklerschaft.
Die positiven Effekte liegen auf der Hand – effizientere Abläufe, bessere Einkaufskonditionen, planbare Nachfolge. Gleichzeitig entstehen neue Abhängigkeiten von Systemen, Partnern oder zentralen Entscheidungen. In Beteiligungsmodellen stellt sich die Frage: Wie viel Einfluss behalten Vermittler, wenn Investoren mitreden? Struktur darf nicht Haltung ersetzen, sonst geht Unternehmenskultur verloren.
Ein wichtiger Treiber bleibt der Generationenwechsel. Viele Eigentümer suchen Nachfolgelösungen, die Kontinuität sichern, ohne Identität aufzugeben. 2025 stand im Zeichen des „Exits mit Augenmaß“ – weniger Verkaufsdruck, mehr Partnersuche auf Augenhöhe. Kooperationen ermöglichen geordnete Übergaben, sichern Kundenbeziehungen und erhalten den Wert des Lebenswerks.
Die Konsolidierung ist aus heutiger Sicht gekommen, um zu bleiben – doch sie ist kein Selbstzweck. Erfolgreich sind jene Zusammenschlüsse, die Transparenz leben, kulturelle Vielfalt zulassen und ihren Mitgliedern echte Gestaltungsfreiheit bieten. Wo Kooperation auf Vertrauen basiert, entsteht Qualität; wo sie nur Rendite folgt, geht Persönlichkeit verloren.
Von der Nische zum Zukunftsthema
Besonders die betriebliche Altersvorsorge (bAV) gewann 2025 wieder an Dynamik. Gute Kapitalmärkte, stabile Pensionskassen und die politische Debatte über die Zukunft der staatlichen Pension sorgten für Aufwind. Immer mehr Unternehmen – auch KMU – nutzen die bAV als Instrument zur Mitarbeiterbindung und Positionierung im Wettbewerb um Fachkräfte. Für Vermittler eröffnete sich ein attraktives Beratungsfeld, das wirtschaftliche und soziale Verantwortung verbindet. Parallel dazu entwickelte sich die private Gesundheitsvorsorge vom Luxus zur Notwendigkeit. Längere Wartezeiten, Ärztemangel und überlastete Ambulanzen machten vielen Österreichern bewusst, dass das öffentliche System an Grenzen stößt. Ambulante Tarife, Arztfinder-Apps und betriebliche Gesundheitsmodelle boomen. Besonders junge Menschen sehen die Zusatzversicherung nicht mehr als Komfort, sondern als Grundabsicherung.
Erfolgreiche Beratung denkt heute ganzheitlich – über Lebensphasen hinweg. Berufsunfähigkeit, Pensionslücke und Familienabsicherung werden als zusammenhängende Themen verstanden. Empathie, Transparenz und langfristige Betreuung machen hier den Unterschied. Wer Vorsorge glaubwürdig vermittelt, verkauft keine Polizze, sondern Sicherheit und Verlässlichkeit.
2025 hat gezeigt: Vorsorgeberatung ist längst mehr als Produktvermittlung – sie ist Wertearbeit. Und sie wird weiter an Bedeutung gewinnen, je stärker das öffentliche System unter Druck gerät. Denn wer Zukunft plant, braucht heute Orientierung – und Menschen, die sie glaubwürdig vermitteln.
Technologie mit Augenmaß
Viele Versicherer investierten 2025 in KI-Systeme, die Routineaufgaben wie Risikoprüfung oder Vertragsverwaltung übernehmen. Das schafft Freiraum für Beratung und Kundenpflege. Auch in Maklerbetrieben sind digitale Abläufe längst Standard: CRM-Systeme, Chat-Assistenten und Online-Terminplanung entlasten und beschleunigen.
KI ist wie ein zusätzlicher Mitarbeiter – sie erledigt Fleißarbeit, aber sie denkt nicht für uns. Wo Prozesse schneller werden, wächst jedoch auch die Verantwortung. Automatisierung erfordert saubere Daten, klare Abläufe und rechtliche Kontrolle. Die Diskussion um die EU-Verordnung DORA machte deutlich, dass Digitalisierung ohne Governance keine Zukunft hat. Datenqualität, Datenschutz und Haftungsfragen rücken ins Zentrum – ebenso wie die Frage, wie viel Transparenz Kunden erwarten dürfen, wenn Algorithmen mitentscheiden. Eines der wichtigsten Learnings: Digitalisierung schafft Nähe, wenn sie richtig eingesetzt wird. Kund:innen wollen bequeme digitale Services, aber auch menschliche Orientierung. Videoberatung, Kundenportale oder Chatfunktionen funktionieren nur, wenn sie von echter Kommunikation begleitet werden. Erfolgreiche Betriebe nutzen Technik nicht, um Distanz zu schaffen, sondern um Erreichbarkeit und Reaktionsgeschwindigkeit zu erhöhen.
Dieses Jahr markierte damit den Übergang vom Hype zur Reifephase. KI und Automatisierung sind fester Bestandteil des Geschäfts geworden – doch der entscheidende Schritt steht erst bevor: die sinnvolle Integration in Beratung, Kultur und Verantwortung. Denn Digitalisierung ist kein Ziel, sondern ein Werkzeug. Und ihre Stärke zeigt sich dort, wo sie Zeit für das schafft, was keine Maschine leisten kann – menschliche Beratung und Vertrauen.
Naturkatastrophen & Klimarisiken: Die große Systemfrage
Naturkatastrophen verursachen in Österreich jährlich Versicherungsschäden von durchschnittlich 1 Mrd. Euro. Und diese Zahl steigt. Heftige Unwetter, Hagel, Überflutungen und Starkregen verursachen Schäden in Rekordhöhe, auch wenn man diesen Sommer vergleichsweise glimpflich davongekommen ist. Klimarisiken sind kein Ausnahmezustand mehr, sondern Teil wirtschaftlicher Realität.
Die Branche weiß: Es geht längst nicht mehr um das Ob, sondern um das Wie. Versicherbarkeit, Prävention und politische Verantwortung gehören zusammen. Der nächste Sturm ist sicher – die Lösung ist es noch nicht.
Versicherbar, aber unter Druck
Die Diskussion um eine österreichweite Elementarschadenversicherung wurde 2025 mit neuer Dringlichkeit geführt, blieb aber ohne Ergebnis. Befürworter fordern eine Pflichtlösung, Kritiker warnen vor bürokratischen Herausforderungen und fehlender Akzeptanz in der Bevölkerung. In der Praxis stehen viele Betroffene nach Katastrophen weiter ohne ausreichenden Schutz da. Besonders in Hochwasserzonen sind Polizzen nur mit hohen Zuschlägen oder gar nicht mehr erhältlich – ein wachsendes soziales Problem. Branchenvertreter warnen: Ohne gemeinsames Modell droht ein Auseinanderfallen der Risikogemeinschaft.
Von Prävention bis Parametrik
Neben der Versicherungsfrage rückt die Prävention stärker in den Fokus. Versicherer investieren in exakte Geodaten, Risikoanalysen und regionale Frühwarnsysteme. Vermittler werden zu Klima-Beratern, die Kunden über bauliche Schutzmaßnahmen, Standortrisiken und Eigenvorsorge aufklären.
Gleichzeitig verschieben sich die Grenzen der Versicherbarkeit: Neue Risiken wie Trockenheit oder Hitzeschäden lassen sich mit klassischen Modellen kaum noch kalkulieren. Immer mehr Anbieter setzen auf parametrische Deckungen oder regionale Risikopools, während ESG-Vorgaben das Underwriting zusätzlich verändern.
Gesellschaftliche Verantwortung
Klimarisiken sind längst auch eine soziale Frage. Wenn Prämien in gefährdeten Regionen unbezahlbar werden, wird Versicherungsschutz zum Privileg – und der Solidaritätsgedanke des Systems gerät ins Wanken. Viele Fachleute fordern daher eine politische Lösung, die Prävention, Pflichtdeckung und öffentliche Beteiligung verbindet.
Das Klimarisiko ist aber natürlich kein Branchenthema, sondern eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe. Versicherung kann Naturereignisse nicht verhindern – aber sie entscheidet, wie gut eine Gesellschaft mit ihren Folgen umgeht. Nur durch Kooperation von Politik, Versicherern und Vermittlern wird das gelingen.
Ausblick 2026: Zwischen Kontinuität und Kurswechsel
Nach einem intensiven Jahr blickt die Branche mit Zuversicht und Realismus nach vorne. Die großen Themen – Digitalisierung, Nachhaltigkeit, Fachkräftemangel, Konsolidierung und Verantwortung – bleiben, doch die Haltung hat sich verändert: weniger Aufbruch, mehr strategische Klarheit. 2026 wird vermutlich kein Jahr des Umbruchs, sondern der gezielten Weiterentwicklung. Die Versicherungswirtschaft ist in einer neuen Realität angekommen: Prozesse sind digitaler, Märkte konsolidierter, Kunden anspruchsvoller. Jetzt gilt es, das Erreichte zu festigen und begonnene Veränderungen konsequent umzusetzen.
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