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Vorsorge: ÖsterreicherInnen verlassen sich immer noch zu sehr auf den Staat
13. Januar 2022

Vorsorge: ÖsterreicherInnen verlassen sich immer noch zu sehr auf den Staat

DI (FH) Ronald Kraule, Vorstand der ERGO Versicherung AG über Herausforderungen in den Sparten Leben, Kranken und BAV, wie die fondsgebundene Lebensversicherung Marktanteile wieder gutmachen wird und warum die Marktdurchdringung der betrieblichen Vorsorge in Österreich immer noch so niedrig ist.


DI (FH) Ronald Kraule ist seit zehn Jahren bei der ERGO und hat vor drei Jahren im Vorstand die Verantwortung für die Sparten Leben, Kranken und BAV übernommen. Dabei stellten sich ihm auch einige Herausforderung, wie unter anderem im Bereich der Lebensversicherung: „Die ERGO kommt ursprünglich aus dem Bankenvertrieb und hat ein etwas älteres Portfolio mit einer anderen Struktur“, erzählt Kraule. „ Dementsprechend gab es in den vergangenen Jahren einen signifikanten Prämienabrieb – ein negativer Trend. Die erste Herausforderung lag somit darin, diesen negativen Trend zu stoppen.“

Die zweite große Herausforderung war laut Kraule die ERGO noch diversifizierter und breiter aufzustellen: „Das ist uns mit dem Markteintritt in die Krankenversicherung gelungen. Hier mussten wir bei null beginnen – angefangen bei operativen Systemen bis zur Ansiedlung von lokalem Know-how.“

So sei die Ergo mittlerweile Nummer 2 in der Lebensversicherung im Neugeschäft und habe, gemessen am APE, einiges getan, um diesen Bestandsabrieb zu verhindern bzw. zu verlangsamen, so Kraule. „Dieses Jahr haben wir dann tatsächlich die Bodenbildung erreicht. Nach drei Jahren Neugeschäftssteigerung haben wir den negativen Trend schlussendlich eingedämmt und wir freuen uns, dass sich die Prämie als Gesamtprämie nach oben entwickeln wird.“

Wie die fondsgebundene Lebensversicherung schwindende Marktanteile wieder gutmachen wird

Der Vorstand der Ergo Versicherung ist sich sicher, dass vor allem die Fondsgebundene Lebensversicherung schwindende Marktanteile wieder gutmachen wird. „Allerdings wird es noch etwas dauern, bis sie diese Lücke schließen kann. Dass es aber funktioniert, haben wir bereits mehrfach gesehen. So war beispielsweise in England das With-Profits das vorherrschende Produkt. Dieses wurde von ungefähr 300 With-Profit-Funds auf kein Neugeschäft runtergefahren – das läuft mittlerweile rein fondsgebunden“, informiert Kraule und erklärt weiter: „So etwas muss natürlich mit vielen Nebeneffekten einhergehen. Einerseits muss das gesamte Marktumfeld passen, andererseits muss man einiges im Beratungsansatz tun“. So müsse dem Kunden besser erklärt werden, wie eine Fondsgebundene Lebensversicherung funktioniert und dass er hier mehr Flexibilität habe. „Der Kunde muss den richtigen Beratungsansatz bekommen, um sein Anlegerprofil in ein Risikoprofil umzuwandeln. Je besser man das schafft, desto größer wird auch die Akzeptanz innerhalb der Bevölkerung werden“, weist Kraule hin.

Warum die Marktdurchdringung der betrieblichen Vorsorge in Österreich so niedrig ist

Auch die betriebliche Vorsorge gilt in Österreich als schwieriges Terrain. Vor allem im Unterschied zu Deutschland ist die Marktdurchdringung niedrig. Der Ergo-Vorstand mit mehrjähriger Berufserfahrung in Deutschland erklärt warum: „Das österreichische Pensionssystem unterscheidet sich wesentlich vom deutschen Pensionssystem. In Deutschland weiß der Kunde, dass der Staat seine Pension zwar zahlt, aber er damit nicht mehr seinen Lebensstandard erhalten kann. Die Österreicher sind nach wie vor der Meinung, dass das Pensionssystem ziemlich genau ihren Lebensstandard abdeckt. Vergleicht man einen Arbeiter in Österreich mit einem Arbeiter in Deutschland, bekommt ein Österreicher 30% mehr Pension, bei gleicher Summe mit gleich vielen Jahren, die einbezahlt wurden. Das österreichische Pensionssystem ist also immer noch sehr gut.“

Der deutsche Staat spreche im Gegensatz zum österreichischen Staat zudem sehr viel von der zweiten und dritten Säule, so Kraule. „Die österreichische Regierung wird dieses Jahr circa 13 Mrd. Euro in das normale Pensionssystem zuschießen und noch einmal 10 Mrd. Euro für die Beamtenpensionen. Hier sollte man in Österreich ehrlicher sein und der Bevölkerung klarer mitteilen, dass dieses System so irgendwann zu teuer werden wird und dass die Österreicher auch selbst vorsorgen müssen.“

Zudem weist Kraule darauf hin, dass der Betrag, den man in der steuerfreien Zukunftssicherung steuerlich absetzen kann (25 Euro im Monat, 300 Euro im Jahr), vor über 20 Jahren festgelegt wurde und seitdem stehe dieser Betrag unverändert fest. „In Deutschland kann man ungefähr das Zwanzigfache absetzen. Deutschland hat sehr viele Großunternehmen und -Konzerne. Österreich hingegen hat viel mehr Klein- und Mittelbetriebe sowie Selbständige. Während also in Deutschland die Konzerne Pensionssysteme für ihre Mitarbeiter geschaffen haben und hier in Firmenpensionen einzahlen, ist der Anteil in Österreich geringer und auch deswegen ist das Thema bei den Österreichern einfach nicht so präsent.“

Kraule sieht neben Versicherer und Regierung aber auch die unabhängigen Vermittler in der Verantwortung: Die unabhängigen Vermittler müssen in jedem Beratungsgespräch aufzeigen, dass das österreichische Pensionssystem langsam an seine Grenzen kommt. Es gibt auch Analysen, die besagen, dass sich der Zuschuss der österreichischen Regierung bis 2040 verdoppeln wird. Da stellt sich natürlich die Frage, ob und wie das noch finanzierbar ist, denn dann haben wir einen großen Teil unseres BIP (nämlich ein Viertel) als Aufwand für das Pensionssystem hergegeben.“

Wo das Potenzial der unabhängigen Vertriebspartner von der ERGO Versicherung liegt

Der ERGO-Vorstand sieht in der Sachversicherung – Schaden/Unfall, vor allem aber in den Produkten Kfz- und Unfallversicherung ein spezielles Potenzial für die unabhängigen Vertriebspartner: „Erstens ist die Kfz-Versicherung den Österreichern sehr wichtig. Zweitens hat die Unfallversicherung zu Zeiten der Pandemie gezeigt, dass die Österreicher wieder viel mehr rausgehen: Sie verbringen mehr Zeit im Freien, fahren viel mit dem Fahrrad, gehen wandern. Dementsprechend haben wir also in beiden Bereichen neue Produkte aufgelegt.“

Auch in der Krankenversicherung gebe es viel Potenzial, so Kraule. „Wir haben uns entschlossen, in der Krankenversicherung mit der Nische zu beginnen und Deckungen anzubieten, wo das finanzielle Risiko für den Kunden besteht. Das Sozialsystem trägt zwar noch relativ gut, in der Zahnersatzversicherung jedoch kaum etwas. Jede Krone, jedes Implantat ist selbst zu bezahlen und man bekommt so gut wie gar keinen Zuschuss.“

In der Fondsgebundenen Lebensversicherung werden vor allem Makler, die früher einmal im Leben-Bereich aktiv waren, bzw. die Vermögensberater einiges an Potenzial heben können, ist sich Kraule sicher. „Deswegen ist uns auch die Betreuung der unabhängigen Makler sehr wichtig. So bieten wir Direktanbindungen an Maklertools und entsprechende Schulungen an. Auch versuchen wir mit einer digitalen Signatur und Online-Beratung mittels Zoom oder MS Teams die Makler während der Pandemie zu unterstützen.“

Das gesamte Interview lesen Sie in der AssCompact Februar-Ausgabe!

Titelbild: AssCompact Herausgeber Franz Waghubinger im Interview mit DI (FH) Ronald Kraule (am Bildschirm links: Mag. Pia Kubek, ERGO Presse)
Foto oben: DI (FH) Ronald Kraule, Vorstand der Ergo-Versicherung





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