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So reagieren Österreichs Kfz-Versicherer auf die Reparaturkosten-Explosion
06. Mai 2020

So reagieren Österreichs Kfz-Versicherer auf die Reparaturkosten-Explosion

Wie gehen Österreichs Kfz-Versicherer mit der Preis-Explosion bei Kfz-Reparaturen um? Das ist heute Thema unseres Kfz-Schwerpunkts, das im Fokus eines geplanten Roundtables stehen sollte. Der Roundtable musste wegen des Corona-Virus abgesagt werden. An seiner Stelle luden wir die Teilnehmer zu einer Interviewrunde auf Distanz ein, die wir auszugsweise diese Woche täglich im AssCompact Newsletter veröffentlichen. 


Teure Ersatzteile und moderne Assistenzsysteme lassen seit Jahren die Reparaturkosten steigen. Wie gehen Sie mit dieser Problematik um?

Thomas Ackerl (Vorstandsdirektor muki Versicherungsverein auf Gegenseitigkeit): Nicht nur die steigenden Ersatzteilpreise, sondern auch die regelmäßig wachsenden Werkstattstundensätze erhöhen die Reparaturkosten stetig. Wie die Entwicklung von Assistenzsystemen, aber auch die Marktausweitung von E-Autos die beeinflusst, müssen wir in den nächsten Monaten und Jahren genau monitoren; gegebenenfalls haben diese massive Auswirkungen auf die Reparaturkosten und in weiterer Folge auch auf die Schadensummen.

Andreas Gruber (Leiter Schaden Unfall Privatkunden der Helvetia Versicherungen AG): Guter Punkt. Gerade wurde wieder der PiKHL (Preisindex für KH Versicherungsleistungen) für 2019 veröffentlich und wir sehen, dass die Stundensätze im Vergleich zu 2018 um knapp 4%, die Ersatzteile sogar um 6% gestiegen sind. Der Verbraucherpreisindex kann das seit Jahren nicht mehr abbilden. Daher haben wir in der jährlichen Kfz-Wertanpassung auf Indizes umgestellt, die diese Preisentwicklungen besser abbilden können.

Bernhard Lackner (Vorstandsdirektor der Niederösterreichischen Versicherung AG): Wir sehen seit Jahren einen Anstieg der Reparaturkosten (Ersatzteilpreise und Stundensätze der KFZ-Mechaniker und Lackierbetriebe). Gleichzeitig sinken aufgrund verschiedener Verkehrssicherungsmaßnahmen und der technischen Weiterentwicklung der Fahrzeuge („Assistenzsysteme“) die Unfallzahlen, insbesondere die schweren Verkehrsunfälle und damit auch deren wirtschaftliche Folgen. Insoweit ist die Sparte „KFZ“ insgesamt – noch – profitabel.

Christoph Marek (Vorstand Allianz Elementar Versicherungs-AG): Europaweit beobachten wir in den letzten Jahren ein Sinken der Schadenfrequenzen, was teilweise sicherlich auf einen positiven Einfluss neuer und teurer Assistenzsysteme zurückzuführen ist. Gleichzeitig sehen wir bei den Reparaturkosten – wie beispielsweise Gläsern – eine enorme Inflation, die nicht mit technischem Fortschritt o.ä. zu erklären ist und beobachten wir mit den Assistenzsystemen einhergehende enge Herstellervorgaben, die den Ersatz statt deren Reparatur fördern. Grundsätzlich berücksichtigen moderne Tarife aber natürlich diesen neuen Risikomix in einer fairen und risikoadäquaten Prämie.

Wolfgang Petschko (Vorstand der DONAU Versicherung AG): Es ist eine unbestrittene Tatsache, dass die Preise von Ersatzteilen kontinuierlich steigen. Die Konstruktionsweise der Autos hat sich geändert und erhöht den Schadenaufwand. Als Versicherung können wir über Service steuern. Die DONAU arbeitet zum Beispiel mit Carglass und Kfz-Pflaster zusammen, um hier für effizientes Service zur sorgen. Selbstbehalte bei Reparaturen erhöhen die Transparenz in der Risikogemeinschaft. Kunden soll bewusst sein, dass vorausschauend zu fahren und dabei das Risiko zu minimieren nicht nur ihnen nützt.

Sven Rabe (Vorstandsvorsitzender der VAV Versicherungs-AG): Wir erleben seit Jahren, dass die KFZ Hersteller die Gewinne der Händler weg vom Verkauf der Fahrzeuge hin in die Werkstätten verlagern, dies unterstützt mit hohen Margen bei Ersatzteilen. Des Weiteren wird durch Reparaturvorgaben der Hersteller der Austausch von Baugruppen forciert, auch wenn eine Reparatur wirtschaftlich und technisch sinnvoll wäre. Die VAV ermutigt die Sachverständigen, mit den Werkstätten alternative Reparaturmethoden zu vereinbaren, um eine sinnvolle Reparatur auch durchzuführen. Auch werden von der VAV bei Kleinschäden verstärkt Schadenablösen angeboten.

Michael Schlögl (Prokurist der Wiener Städtischen Versicherung AG): Derzeit gibt es zwei gegenläufige Trends: dank der Assistenzsysteme sinkt die Schadenhäufigkeit, gleichzeitig steigt der Durchschnittschaden. Eine Entwicklung, die wir schon viele Jahre sehen und auch weiter anhalten wird. Die Digitalisierung wird uns helfen, Kosten zu vermeiden oder zu reduzieren: sei es durch Aufzeigen von Risikopotenzialen oder Optimierung von Prozessen – durch Predictive Analytics können wir unsere Kunden und Risiken noch besser verstehen und so helfen Schäden zu vermeiden.

Josef Stockinger (Generaldirektor der Oberösterreichischen Versicherung AG): Die Versicherer müssen die technische Entwicklung zur Kenntnis nehmen. Assistenzsysteme sehen wir trotz hoher Reparaturkosten sehr positiv und geben für solche „Helfer“ dem Kunden sogar Prämienreduktionen.

Philipp Wassenberg (Vorstandsvorsitzender der ERGO Versicherung AG): Wir bemerken einerseits den Trend, dass moderne Assistenzsysteme die Reparaturkosten steigern, da die zusätzlich eingebaute Sensorik Geld kostet und mitunter beim Tausch auch ein Mehraufwand an Arbeitszeit erforderlich ist. Ein gegenläufiger Trend – sinkende Schadenfrequenzen durch mehr Sicherheitssysteme im Auto – hinkt hier etwas hinterher bzw. sind die Schadenfrequenzen bei gebrochenen Windschutzscheiben unverändert, jedoch wird der Scheibentausch auf Grund verbauter Sensorik teurer. Ein guter Gradmesser ist hier der Kraftfahrzeughaftpflicht-Versicherungsleistungspreisindex), der letztes Jahr im Bereich der Kfz-Sachschäden eine Steigerung von 3,5% aufgezeigt hat. Wir haben bei ERGO eine spezielle Tarifierungslogik im Einsatz, das sogenannte Typklassenmodell. Dies ist eine statistisch exaktere Bewertung des Risikos auf Basis des konkreten Fahrzeuges, statt lediglich Leistung und Listenpreis als Risikoindikator zu verwenden. Dieser Zugang hilft hier risikogerechtere Prämien zu finden.

Günther Weiß (Vorstand der HDI Versicherung AG): Ein weiterer Treiber in der Entwicklung der Kaskoergebnisse ist die Preisentwicklung für Kfz-Ersatzteile. (Betrug die Inflationsrate von 2013 (=100) bis 2018: 106,9 sind die Preise für Kfz Ersatzteile auf 123,9 gestiegen. Wobei insbesondere die Fahrzeugteile Windschutzscheibe, Außenspiegel und Stoßstange durch den Einbau von Sensoren etc. besonders betroffen sind. Mit Partnerwerkstätten (10 Jahre HDI Werkstattnetz) und mit Partnerbetrieben wie Carglass versuchen wir kundenfreundliche Lösungen zu bieten.

Morgen im AssCompact NL: Bei jährlich 535.000 Kfz-Haftpflicht- und 850.000 Kaskoschäden beträgt das Leistungsvolumen der Österreichischen Kfz-Versicherer schon heute an die 2,5 Milliarden Euro! Sind steigende Prämien die logische Folge oder gibt es dazu Alternativen?





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