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So reagieren Österreichs Kfz-Versicherer auf die Krise
05. Mai 2020

So reagieren Österreichs Kfz-Versicherer auf die Krise

Die heimische Kfz-Versicherungsbranche hat´s schwer: Auf der einen Seite eine Preis-Explosion bei Kfz-Reparaturen, auf der anderen die Corona-Krise. Wie gehen Österreichs Kfz-Versicherer mit der Krise um? Das ist heute Thema unseres Kfz-Schwerpunkts, das im Fokus eines geplanten Roundtables stehen sollte. Der Roundtable musste wegen des Corona-Virus abgesagt werden. An seiner Stelle luden wir die Teilnehmer zu einer Interviewrunde auf Distanz ein, die wir auszugsweise diese Woche täglich im AssCompact Newsletter veröffentlichen. Ein Hinweis: Die Interviewrunde wurde vor Wiederöffnung der Geschäftsstellen für Parteienverkehr geführt. 


Wochenlang geschlossene Zulassungsstellen, Werkstättenbetrieb auf Sparflamme, erschwerte Schadenregulierung – alles Auswirkungen der aktuellen Corona-Krise. Wie spüren Sie als Kfz-Versicherer diese Umstände und wie kann man auf diese Situation reagieren?

Thomas Ackerl (Vorstandsdirektor muki Versicherungsverein auf Gegenseitigkeit): Bei den Zulassungsstellen hatte für muki oberste Priorität, dass unser gewohntes Service ohne Unterbrechung weiterhin verfügbar war: Dank unserer bewusst flachen Strukturen und Flexibilität konnten wir sofort auf alle Anfragen reagieren und individuelle Lösungen – unter Einhaltung der gesetzlichen Vorgaben – anbieten. Auch unseren Part in der Schadenregulierung haben wir ohne Unterbrechung und zur Gänze erfüllt. Wenn aber Werkstätten geschlossen haben und Sachverständige nicht besichtigen, können wir nur eingeschränkt regulieren. Als Sofortmaßnahme im Sinne der Vertriebspartner und Kunden haben wir die Teleexpertise und Bildschirmkalkulationen ausgeweitet.

Andreas Gruber (Leiter Schaden Unfall Privatkunden der Helvetia Versicherungen AG): Wir sehen natürlich einen starken Rückgang im Neugeschäft, da bis 14. April keine Zulassungen – mit Ausnahme von systemrelevanten – möglich waren. Gleichzeitig war der Druck im Zulassungsbereich spürbar höher, da viele Versicherte die Möglichkeit von Hinterlegungen nutzen wollten. Was es in solchen Situationen braucht, ist ein abgestimmtes Vorgehen. In der Schadenregulierung vor allem die technischen Möglichkeiten, um zu 100% aus dem Homeoffice arbeiten zu können, was in unserem Fall schnell umgesetzt wurde.

Bernhard Lackner (Vorstandsdirektor der Niederösterreichischen Versicherung AG): Wir führen den Betrieb der Zulassungsstellen gemäß Verordnung des BM so durch, wie dies von der Versicherungswirtschaft erwartet wird. Die „Corona Krise“ spüren wir vor allem im Rückgang der KFZ-Haftpflicht- und Kaskoschäden. Der Rückgang des Straßenverkehrs bedeutet weniger Unfälle, und die KFZ-Werkstätten arbeiten nur im Notbetrieb. Unsere Mitarbeiter wickeln wie gewohnt Schäden ab und weisen einlangende Rechnungen umgehend an.

Christoph Marek (Vorstand Allianz Elementar Versicherungs-AG): Die Zulassungsstellen haben seit 14. April unter Einhaltung aller Vorschriften wieder geöffnet, von einem Normalbetrieb sind wir natürlich noch weit weg. Die letzten Wochen waren davon geprägt, einerseits unseren Kunden in einer teilweise extremen Situation zu helfen, andererseits die Gesundheit unserer MitarbeiterInnen vor Ort zu schützen. Wir haben auch stark auf unsere digitalen Kanäle gesetzt und diese weiter ausgebaut. Alle anderen Aspekte sind da bislang mehr in den Hintergrund getreten.

Wolfgang Petschko (Vorstand der DONAU Versicherung AG): Unsere Mitarbeiter haben Nase-Mund-Masken erhalten, Desinfektionsmittel sind vorhanden und die Kunden haben nur nach Terminvereinbarung und einzeln Zutritt. Es war stark zu spüren, dass diese Einschränkungen sehr ungewohnt sind. Dennoch – alle halten sich an die Regeln. Weiters hat die DONAU ihr Service im Kfz-Schaden bieten können. Wir sind telefonisch oder auch über unsere Webservices erreichbar und helfen unseren Kunden. Kfz-Werkstätten waren ausgenommen und konnten die Reparaturen durchführen. Aufgrund der Ausgangsbeschränkungen gab es einen Rückgang von Schäden im Kfz-Bereich, die nächsten Wochen werden zeigen, ob dies nicht bloß durch verschobene Reparaturen getrieben war.

Sven Rabe (Vorstandsvorsitzender der VAV Versicherungs-AG): In der ersten Stufe der Entwicklung haben wir gemeinsam – aus dem Stand – das mobile Arbeiten auf nahezu alle Kolleginnen und Kollegen ausgerollt. Alle Geschäftsprozesse der VAV funktionieren einwandfrei. Schäden werden wie gewohnt gemeldet, bearbeitet und auch bezahlt. Für Vertriebspartner und Kunden sind wir erreichbar und es erfolgen neben den sonstigen Geschäftsvorfällen auch Neuabschlüsse, die selbstverständlich in der gewohnten Weise polizziert und – soweit gewünscht – elektronisch zugestellt werden. In Schadenfällen werden verstärkt Fotogutachten eingesetzt und unkomplizierte Schadenablösen bei kleineren Schäden angeboten.

Michael Schlögl (Prokurist der Wiener Städtischen Versicherung AG): Die letzten Wochen waren sehr herausfordernd, die wir gemeinsam gut bewältigt haben. Nach der schrittweisen Öffnung wird es eine Erholung geben, dennoch haben viele ihre Arbeit verloren und müssen sparen. Hier sehen wir Parallelen zur Entwicklung während der Wirtschaftskrise 2008/2009: die Prämienentwicklung wird sich zumindest heuer und nächstes Jahr verlangsamen, aber entsprechend auch die Schäden und damit die Schadenquote stabil bleiben.

Josef Stockinger (Generaldirektor der Oberösterreichischen Versicherung AG): Der Corona-Notbetrieb ist erstaunlich gut gelaufen. Es gibt kaum Rückstau. Die Kfz-Schadensbegutachtungen konnten über Teleexpertise erledigt werden. Das Herunterfahren von Wirtschaft und gesellschaftlichen Kontakten reduzierte die Kfz-Schäden um 30%! Im Autohandel hat die gestoppte Rücknahme von Gebraucht-PKWs bei Neuwagenkauf sicher die Anzahl der Schäden gemindert.

Philipp Wassenberg (Vorstandsvorsitzender der ERGO Versicherung AG): ERGO hat als Kfz-Versicherer bereits seit längerem auf Digitalisierung gesetzt. Digitale Polizzen und Schadenakte sind ohnehin bereits Standard bei uns, daher konnten wir unseren Betrieb ohne Beeinträchtigung der Geschäftsprozesse innerhalb eines Tages zu nahezu 100 Prozent ins „Home-Office“ verlegen. Ganz wichtig: Unser Kfz-Partnerwerkstattnetz funktioniert auch in diesem Ausnahmezustand. Schäden können repariert werden, auch wenn abseits unseres Netzwerkes viele Werkstätten geschlossen haben oder nur in Notfällen arbeiten. Durch das Hol- und Bringservice ist eine Reparatur sogar ohne Werkstattbesuch möglich, die Fahrzeugschlüssel werden kontaktlos übergeben, außerdem werden Kunden- und Leihfahrzeuge speziell gereinigt. Unsere Zulassungsstelle ist im Laufe des Aprils vom eingeschränkten Betrieb wieder in den Vollbetrieb gegangen. Die Begutachtung von Schäden erfolgt auf digitalem Weg.

Günther Weiß (Vorstand der HDI Versicherung AG): Die Auswirkungen des Shut-downs sind insofern massiv, als dass klarerweise nahezu kein Kfz-Geschäft in den letzten Wochen abgeschlossen wurde, da die Zulassungen nur auf Notbetrieb gefahren werden mussten und im Gegenzug sind die Schadenfälle auch zurückgegangen. Wir haben schnell den Betrieb auf digital umgestellt und waren auch die ganze Zeit gut für unsere Kunden und Vermittler erreichbar, um alle Fragen prompt zu beantworten. Die wirklichen Auswirkungen werden wir erst in den nächsten Monaten merken und für uns als HDI ist es selbstverständlich, die Kunden und Vermittler zu unterstützen, wo es möglich ist.

Morgen im AssCompact Newsletter: Wie Österreichs Kfz-Versicherer mit den steigenden Reparaturkosten umgehen.




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