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Ethik in aller Munde
21. Juni 2019

Ethik in aller Munde

Das Thema „Ethik“ rückt mit der IDD verstärkt in den Fokus der Versicherungsvermittler. Was das bedeutet und wie sich „unethisches“ Handeln auswirkt, erklärt Reinhard Jesenitschnig in der AssCompact Juli-Ausgabe.


Von Reinhard Jesenitschnig, C:M:S Maklerservice GmbH*

Die Richtlinie des Europäischen Parlaments und des Rates vom 20.01.2016 (IDD) verlangt für Versicherungsvermittler und deren Angestellte zumindest 15 Stunden berufliche Schulung oder Weiterbildung, um deren Kenntnisse und Fähigkeiten zu gewährleisten. Im Anhang zu dieser Richtlinie sind die Mindestkenntnisse jener Teilbereiche aufgelistet, deren Gesamtheit die Qualität eines Vermittlers prägen. Dazu zählen „ethische Standards im Geschäftsleben“, konkret im Versicherungsvertrieb. Und siehe da: das Thema Ethik zieht sich bereits durch die vom Markt angebotenen Ausbildungs-, Seminar- und Vortragsangebote, auch wenn es der Gesetzgeber trotz ausreichender Fristen noch nicht geschafft hat, den Lehrplan für die Weiterbildungsverpflichtung zu verordnen. Man kann dies wohl als einen nicht sanktionierten Ethikverstoß gegenüber einer ganzen Berufsgruppe sehen.

Ethik und Versicherung

Die Wirtschaftsethik umfasst auch das Thema „Ethik und Versicherung“. Auf Basis allgemeiner ethischer Grundsätze werden (grob vereinfacht) Handlungsdirektiven entwickelt, die ökonomisches Handeln auch aus moralischer Sicht beleuchten und beurteilen lassen. Die Ethik ist somit der theoretisch-wissenschaftliche Überbau moralischen Handelns in allen Lebenslagen.

Nicht genormte ethische Verstöße können nicht konkret, sondern nur allgemein, etwa durch gesellschaftliche oder Gruppenächtung, sanktioniert werden. Werden moralische Handlungsgrundsätze jedoch in Normen gefasst, unterliegen ethische Verstöße festgesetzten Strafen. Im § 151 des österreichischen Strafgesetzbuches finden wir z.B. Bestimmungen zum Versicherungsmissbrauch, ein Tatbestand, der sich im Bewusstsein der Bevölkerung längst vom „Kavaliersdelikt“ zu dem gewandelt hat, was er tatsächlich ist, nämlich unmoralisches Verhalten in höchstem Maß. Normen können aber auch von der Zivilgesellschaft erstellt werden, beispielsweise Standesregeln für einzelne Berufsgruppen.

Wenn Profit über allem steht

Ein Beispiel für ethisches Fehlverhalten im Versicherungsvertrieb, das zwar strafrechtlich nicht zu sanktionieren war, aber zivilrechtliche Folgen hatte, lieferte ein Versicherungsvermittler beim Verkauf einer Lebensversicherung. Er vermittelte einer Studentin einen Vertrag, dessen Prämie sie aus eigenem Einkommen nicht finanzieren konnte. Da der jungen Dame daraus finanzieller Schaden entstand, musste der Vermittler für diesen Schaden einstehen und sich vom Gericht zudem mitteilen lassen, dass er verpflichtet gewesen wäre, die wirtschaftliche Lage der Studentin auszuloten, ob sie denn überhaupt in der Lage sei, den von ihm vorgeschlagenen Prämienaufwand zu leisten. Hier standen für den Vermittler Profit und moralisches Verhalten gegenüber, der Vermittler entschied sich für ersteres.

Auch Versicherer gefordert

In den nunmehr aufflammenden Diskussionen über Ethik in der Versicherung steht der Vertrieb im Zentrum. Dennoch sollte dem Sektor Schaden zumindest die gleiche Aufmerksamkeit zu diesem Thema zuteilwerden. Das betrifft jedoch nicht (in erster Linie) die Vermittler, sondern die Versicherungsgesellschaften. Ethisches Verhalten auf Seiten der Vermittler und auch auf Seiten der Versicherungsreferenten setzt nicht nur moralisches Denken, sondern auch fachliches Wissen voraus. Sehen wir daher die auf uns zukommende Verpflichtung zur Weiterbildung nicht als lästige Auflage, sondern als Bereicherung für unsere tägliche Arbeit und für den nachhaltigen Einsatz im Sinne unserer Kunden an.

*gekürzte Version; der gesamte Artikel erscheint in der AssCompact Juli-Ausgabe.



Kommentare

von Gerhard Peham am 21.06.2019 um 11:05 Uhr
Hat den keiner den Mut unser Handeln in der Tiefe und Ganzheit zu hinterfragen oder genügt die Einnahme einer Ethik – Pille als oberflächliche Behandlungsmethode zur Gewissensberuhigung!

Ohne den Mut zum ehrlichen Hinsehen und ohne einen genauen Blick auf die tieferliegenden Ursachen für unethisches Verhalten in der Wirtschaft, natürlich auch in der Versicherungsvermittlung, zu wagen, bleibt es bei einem Bekämpfen der Symptome, ohne tatsächlich nachhaltig etwas zu bewirken.

Man kennt diese Herangehensweise aus der Medizin. Wir können jetzt, ohne uns den komplexen Gesamtorganismus zu widmen, eine Pille einwerfen und hoffen das es dadurch besser wird. Mir kommt es so vor als würde man der übergewichtigen Gesellschaft nun die Einnahme von Abnehmpillen vorschreiben, ohne ein Bewusstsein für die Bewegungs- und Essgewohnheiten zu schaffen und anschießend die zu sanktionieren welche die Pille nicht schlucken wollen unabhängig davon ob sie nun selbst übergewichtig sind oder nicht.

Aaron Antonovsky erkannt schon Ende der 60-ziger Jahre, dass diese pathogene Sicht- und Herangehensweise nur sehr bedingt zum Erfolg führt und begründete als synergetische Ergänzung dazu die Salutogenese. Heute, 50 Jahr danach, ist zwar dem Großteil der Gesellschaft bewusst, dass es zum Gesund werden und bleiben mehr braucht als eine Pille und dennoch können wir beobachten, dass es von einem Gesundheitsbewusstsein hin zu einem gesundheitsfördernden Handeln ein weiter Weg ist.

Selbsterkenntnis ist der erste Schritt zur Besserung, sagt schon ein altes Sprichwort. Und so braucht es auch für eine gesunde Wirtschaft einen Bewusstseinsbildungs- und Erkenntnisprozess, eine salutogene Betrachtung, damit wir hoffen können in den nächsten Jahrzehnten tatsächlich eine Veränderung herbei zu führen.

Für alle die mehr über die Verantwortung, die auf Unternehmen zukommt, erfahren wollen habe ich hier zwei aus ganz unterschiedlichen Bereichen kommende Impulse. Die Jahresbriefe von Larry Fink (CEO von BlackRock) oder die Enzyklika LAUDATO SI´ von Papst Franziskus. https://www.blackrock.com/corporate/investor-relations/larry-fink-ceo-letter http://w2.vatican.va/content/francesco/de/encyclicals/documents/papa-francesco_20150524_enciclica-laudato-si.html

Es braucht einen Raum der Geborgenheit damit wir uns entfalten können und lernen unsere Gestaltungsspielräume auch tatsächlich für ein erfolgreiches und ethisches Handeln zu nutzen. „stop - look – go“ als einfache Orientierung kann helfen diesen Weg erfolgreich zu gehen.

stop – einen Stopp einlegen und innehalten. Es braucht einen geschützten Raum, in dem sich die Stakeholder der Versicherungswirtschaft druck- und angstfrei treffen können.

look – anstatt die gewohnten Denkmuster abzurufen, ist es Zeit sich Selbst, ihre Aufgaben und Verantwortungen und den „PURPOSE“ ihres Unternehmens zu Ergründen und zu Reflektieren.

go – die gewonnenen Erkenntnisse miteinander in die Umsetzung bringen bewirkt dann Schritt für Schritt den gewünschten Wandel.

Verpassen wir diese Gelegenheit werden wir wohl auch in Zukunft immer größer werdende Pillen schlucken müssen, ohne tatsächlich was zu verändern.

Gerhard Peham




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