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Statistical Default Study: Corona-Blase schrumpft, Ausfallrisiko steigt auf 1,60%
20. Juli 2022

Statistical Default Study: Corona-Blase schrumpft, Ausfallrisiko steigt auf 1,60%

Univ.-Prof. Dr. Walter S. A. Schwaiger, Leiter des Forschungsbereichs „Finanzwirtschaft und Controlling“ am Institut für Managementwissenschaften (IMW) an der TU Wien, hat die Ausfälle der heimischen Unternehmen in den Pandemie-Jahren 2020 und 2021 analysiert, mit dem Ziel die Auswirkungen der Beendigung der außerordentlichen Stützungsmaßnahmen und damit das aktuelle Ausfallrisiko der österreichischen Unternehmen zu bestimmen.


Die zur Eindämmung der Covid-19-Pandemie von staatlicher Seite gesetzten außerordentlichen Stützungsmaßnahmen haben Wirkung gezeigt. Die Ausfallraten der Jahre 2020 und 2021 sind mit 0,76% und 0,81% auf historische Tiefststände gesunken. Entsprechend sind die Firmeninsolvenzen um rund 40% zurückgegangen. So wenige Insolvenzen gab es zuletzt vor 30 Jahren. Diese Tiefstände geben allerdings ein verzerrtes Bild des künftigen Ausfallrisikos, zumal in den folgenden Jahren derartige Stützungsmaßnahmen nicht mehr vorgesehen sind.

2020 und 2021 war eine Ausfallrate von 1,88% und 1,21% erwartet worden. Wird von diesen Raten die jeweils tatsächlich realisierte Ausfallrate von 0,76% und 0,81% abgezogen, dann ergibt sich die durch außerordentliche Stützungsmaßnahmen entstandene „Covid-19-Blase“ von 1,12% für 2020 und 0,40% für 2021.

Die starke Reduktion dieser Covid-19-Blase um 0,72 Prozentpunkte ergibt sich durch die weitgehende Fortführung von staatlichen Hilfspaketen bzw. der konjunkturellen Verbesserung im Jahr 2021, womit die realisierte Ausfallrate niedrig gehalten bzw. die erwartete Ausfallrate reduziert wurde.

Bei Fortbestand der konjunkturellen Verbesserung ist nun zu erwarten, dass sich die gewaltige, im Jahr 2020 entstandene und im Jahre 2021 um ca. 2/3 geschrumpfte Covid-19-Blase ohne disruptive Einbrüche im Unternehmenssektor auflösen wird können. Die Covid-19-Blase ist somit entgegen ursprünglicher Befürchtungen nicht spontan geplatzt, sondern wurde durch die fortgeführten Stützungsmaßnahmen und die konjunkturelle Erholung einigermaßen gemäßigt zu 2/3 abgebaut. Aber mittlerweile sind schon wieder neue wirtschaftliche ‚Gewitterwolken‘ aufgezogen, u.z. insbesondere Lieferengpässe und Arbeitskräftemangel, welche eine Art „Long-Covid-Erkrankung“ darstellen, sowie explodierende Energie- und Rohstoffpreise, der Ukraine-Krieg und seine Folgen, die seit Jahrzehnten höchsten Inflationsraten und die auch in Europa nunmehr anstehenden Zinserhöhungen. Diese Wolken dürften sich in einem erneuten deutlichen Konjunkturrückgang bemerkbar machen und künftige Ausfallraten wieder stark ansteigen lassen.

„Durch den Wegfall der staatlichen Hilfsmaßnahmen kommt es nicht notwendigerweise zu einem Platzen der „Corona-Blase“. Der disruptive Schock ist ausgeblieben. Vielmehr hängt es davon ab, wie die Polykrisen und deren Auswirkungen auf die allgemeine Wirtschaftslage und auf die Situation der Unternehmen abgefedert werden können“, so Univ.-Prof. Walter Schwaiger.

Ausfallrate und Konjunkturentwicklung

Betrachtet man die jährlichen Ausfallraten im Vergleich zur Veränderung des realen BIP, so sieht man die letzten zwölf Jahre eine gleichförmige Entwicklung um eine Ausfallrate von ca. 1,40% (mit Ausnahme des Jahres der Finanzkrise 2009).

Die Jahre 2020 und 2021 stellen aber eine „Riesenausnahme“ dar. Die im Corona-Krisenjahr 2020 realisierte Ausfallrate von 0,76% ist nicht nur viel niedriger als die Ausfallrate von 1,15% im wirtschaftlich noch normalen Jahr 2019. Darüber hinaus verläuft sie sogar noch diametral entgegengesetzt zur im Corona-bedingten Konjunktureinbruch erwarteten Entwicklung. Die tatsächlich eingetretene Ausfallrate ist somit gegenüber der tatsächlichen Wirtschaftslage verstellt. Grund dafür sind die erwähnten außerordentlichen Stützungsmaßnahmen.

Mit dem (vorläufigen) Anstieg der Konjunktur wird sich auch die Ausfallrate langsam wieder dem „Normalniveau“ von 1,20% anpassen. Für das laufende Jahr 2022 rechnet Univ.-Prof. Schwaiger damit, dass das Ausfallrisiko auf 1,60% steigen wird. Dieses setzt sich aus dem Normalniveau von 1,20% und der „Corona-Blase“ von 0,40% zusammen. In absoluten Zahlen bedeutet das, dass rund 5.700 Unternehmen stark insolvenzgefährdet sind. Österreich kehrt somit auf das Vorpandemie-Niveau zurück.

Datenbasis

Zur Messung von Unternehmensausfällen wurden in der vorliegenden Studie nicht die Insolvenzen, sondern – wie im Bankenbereich üblich – die Ausfallereignisse nach der Definition von „Basel III“ (Baseler Ausschusses für Bankenaufsicht) herangezogen. Demnach gilt ein Unternehmen als ausgefallen, wenn es über 90 Tage im Zahlungsverzug ist bzw. wenn es mit einer hohen Wahrscheinlichkeit seinen Zahlungsverpflichtungen nicht nachkommen wird können. Diese Messung von Kreditausfällen korrespondiert mit den Sachverhalten, welche mit dem Creditreform-Bonitätsindex gemessen werden. Dieser reicht von 100 (hervorragende Bonität) bis 600 (Insolvenz). Ab einem Bonitätsindex von 500 gilt eine Forderung als ausgefallen.

Die sich auf das Jahr 2021 beziehenden Berechnungen basieren auf über 105.000 wirtschaftsaktiven Unternehmen.

Bild: © lev dolgachov – stock.adobe.com





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