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„Genug ist genug“ – Was Österreichs Pensionssystem braucht
07. November 2019

„Genug ist genug“ – Was Österreichs Pensionssystem braucht

Eine Stärkung der betrieblichen Altersvorsorge bleibt in Österreich vorerst aus. Wo eine neue Regierung ansetzen sollte, erklärt bAV-Experte Mag. Thomas Wondrak.


Von Mag. Thomas Wondrak

„Genug ist genug“ – diese Worte beendeten die türkis-blaue Koalition. Die Umsetzung des alten Regierungsprogrammes und insbesondere die Ausarbeitung einer umfangreichen Steuerreform waren damit ad acta gelegt. Oder nur verschoben? Bedauerlich ist es in jedem Fall, denn die geplante Stärkung der betrieblichen Altersvorsorge ist davon ebenfalls betroffen.

Faktenbasierte, ideologiefreie Debatte

Somit zurück zum Start. Welches Ergebnis auch immer die Koalitionsverhandlungen bringen werden: jede kommende Bundesregierung wird sich mit dem Thema der Pensionszukunft Österreichs befassen müssen. Es soll aber nicht eintreten, was schon so oft geschehen ist: eine unseriöse, faktenferne und rein parteipolitisch motivierte Diskussion. Es braucht einen neuen, frischen Zugang.

Neu und wünschenswert wäre eine faktenbasierte, möglichst ideologiefreie Debatte. Wenn man die Tatsachen der österreichischen Pensionsvorsorge außer Streit stellt, ist ein seriöser Diskurs über die zentralen Ziele möglich. Klar ist, dass nach einer ernsthaften Analyse der Fakten jede politische Kraft eigene Ideen zur Realisierung einer stabilen Pensionszukunft haben wird.

bAV nicht überall ausgeprägt

Ein paar Grundlagen: Österreichs Pensionssystem beruht auf drei Säulen, der staatlichen, der betrieblichen und der privaten Vorsorge. Eine ausgewogene Belastung der Pensionslasten auf diese drei Säulen ist nicht gegeben. Der traditionell starken ersten Säule steht eine – nur in manchen Bereichen bereits ausgeprägte – betriebliche Altersvorsorge gegenüber. Insbesondere in der Finanzindustrie, im Energiesektor und in vielen anderen ehemals staatlichen Bereichen gibt es bereits eine hohe Absicherung durch zusätzliche betriebliche Altersvorsorge. Anders ist die Situation bei den kleinen und mittleren Unternehmen, den Ein-Personen-Unternehmen (EPU) und in den Niedriglohnsektoren. Dort ist die betriebliche Vorsorge wenig verbreitet, obwohl 65% der österreichischen ArbeitnehmerInnen in KMUs beschäftigt sind. 60% der Unternehmen Österreichs sind EPUs, das sind mehr als 100.000 Unternehmen!

Handlungsbedarf bei KMU

Eine erste Analyse von Umfragen in diesen Bereichen zeigt: Sowohl Arbeitgeber als auch MitarbeiterInnen im KMU/EPU-Bereich sind davon überzeugt, dass bei der Altersvorsorge Handlungsbedarf besteht. Voraussetzung dafür sind einfache, kostengünstige Angebote und eine Anschubförderung für KMUs. Diese muss ausschließlich den MitarbeiterInnen zu Gute kommen. Die Abschaffung von Steuerdiskriminierungen im bAV-Bereich für EPUs sowie eine bAV-Förderung für Kleinverdiener ist einfach umzusetzen und sinnvoll. Arbeitgeber wären sogar bereit, unter den entsprechenden Rahmenbedingungen mehr Geld zur Finanzierung der Altersvorsorge einzuzahlen.

Pensionen oder Einmalzahlungen?

Sollen lebenslange Pensionen oder Einmalzahlungen gefördert werden? Es bleibt jedem selbst überlassen, Geld auf die Seite zu legen und später das Kapital einmalig wieder zu entnehmen. Wesentliche Voraussetzung für eine stabile Pensionszukunft ist allerdings, dass nur Produkte mit Steuergeldern gefördert werden, die auch als Pensionsleistung in Anspruch genommen werden und das lebenslang.

Aus diesem Grund ist auch eine Verlängerung der Liegedauer der Gelder in der Abfertigung Neu dringend geboten. Die Praxis, dass die Gelder beinahe ausnahmslos bei Beendigung des Dienstverhältnisses entnommen werden, bedeutet: weniger Geld im Alter, bei Berufsunfähigkeit und für die Hinterbliebenen.

Daher folgende konkrete Vorschläge für ein neues Regierungsprogramm:

  • risikoadäquate Verteilung der Pensionslasten
  • zielgerichtete und transparente Förderung lebenslanger Pensionszahlungen
  • Zugang für KMU und EPU zu einfachen und kostengünstigen Produkten ermöglichen
Der Autor

Mag. Thomas Wondrak ist Eigentümer des Beratungsunternehmens konsequent wondrak, Leiter des Lehrganges Sozialkapital und Organisator von BAV-Aus- und Weiterbildungsveranstaltungen. Darüber hinaus ist er Allgemein beeideter und gerichtlich zertifizierter Sachverständiger für die Fachbereiche Betriebliches Vorsorgewesen und Pensionskassen.





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